Staatspreis für Martha JungwirthSpäte Lorbeeren für eine „Malerin von Weltformat“

Die 81-jährige Malerin Martha Jungwirth erhielt am Montagabend die höchste Kunstauszeichnung der Republik: den mit 30.000 Euro dotierten Großen Österreichischen Staatspreis.

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Mit Blumen und Staatspreis geehrt: Martha Jungwirth © APA/HERBERT NEUBAUER
 

Als die Kunstsammlerin Agnes Essl einmal im Krankenhaus lag, zeigte sie ihrer Freundin Martha Jungwirth ein riesiges Hämatom, das sich auf ihrem Oberschenkel gebildet hatte. „Schau dir das an, das musst du malen, damit ich es nicht vergesse. Außerdem sind das genau deine Farben“, erklärte die frisch Hüftoperierte. Die Künstlerin ließ sich nicht lange bitten und malte eine Reihe von Aquarellen, von denen eines sogar als Leihgabe im österreichischen Parlament landete – vermutlich als subtile und leider unverstandene Mahnung vor Blutergüssen jeglicher Art.

Fleischliches Rot, Magenta und Violett sind bis heute die Lieblingsfarben von Martha Jungwirth geblieben. Gleiches gilt für ihren Hang, Empfindungen der Realität spontan und konzentriert in poetisch-abstrakte Gebilde zu verwandeln. 1968 hatte die gebürtige Wienerin gemeinsam mit Franz Ringel, Peter Pongratz, Wolfgang Herzig, Robert Zeppel-Sperl und Kurt Kocherscheidt die Gruppe der „Wirklichkeiten“ gegründet und damit einen Kontrapunkt zur Kunstrichtung des Informel gesetzt. Statt „reiner Malerei“ setzten die Neuerer auf Gesellschaftsrelevanz und Wirklichkeitsbezug. Nach frühen Erfolgen auf der documenta (1977 und 1982) erhielt Jungwirth erst in jüngster Zeit breite Anerkennung, etwa im Zuge einer Personale in der Albertina 2018.
Ihr umfangreichstes Werk schuf die ehemalige Dozentin der „Angewandten“ ein Jahr später für die Staatsoper: ein 176 Quadratmeter großes „Trojanisches Pferd“, das dem Publikum vom Eisernen Vorhang entgegen wieherte. Allein die Vorlage für die monumentale Malerei erzielte bei einer Versteigerung 96.000 Euro – ein Indiz für Jungwirths wachsende Wertschätzung in einem noch immer von Männern dominierten Metier.

Martha Jungwirth vor ihrem Eisernen Vorhang in der Wiener Staatsoper Foto © APA/ROLAND SCHLAGER

Am Montagabend wurde der Künstlerin im Wiener Leopold Museum der mit 30.000 Euro dotierte Große Staatspreis überreicht. Sie ist damit nach Maria Lassnig, Brigitte Kowanz und Renate Bertlmann erst die vierte Bildende Künstlerin, die vom Österreichischen Kunstsenat für diese Auszeichnung vorgeschlagen wurde. Laudator Hans-Peter Wipplinger hob beim Festakt Mut und Experimentierlust der 81-Jährigen hervor, während Senatspräsident Josef Winkler die „einzigartige Bildsprache“ der „Malerin von Weltformat“ lobte, die erst spät die ihr gebührende Anerkennung erfahren habe.

Zur Person

Martha Jungwirth, geb. am 15. Jänner 1940 in Wien, studierte an der Angewandten, wo sie von 1967 bis 1977 auch lehrte. War 1968 Mitbegründerin der Gruppe der „Wirklichkeiten“.
War bis zu dessen Tod 1990 mit dem Kunsthistoriker Alfred Schmeller verheiratet. Lebt in Wien und Neumarkt/Raab.

Kommentare (1)
Estarte
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"KUNST KOMMT OFFENSICHTLICH NICHT MEHR VON KÖNNEN"

„Malerin von Weltformat“
„Höchste Kunstauszeichnung“
Dass Kunst längst nicht mehr von Können kommt, zeigen eindringlich, die Werke von Frau Jungwirth,
und dass jeder mittlerweile ein Künstler ist, scheint sich nicht nur herumgesprochen zu haben, es ist alltäglich präsent, und dass man Preise und Auszeichnungen vom Staat erhalten kann, auch wenn man nichts oder nicht viel kann, ist klar, weil Juroren entweder nichts von Kunst verstehen, oder aus dem unmittelbaren Umfeld der ausgezeichneten Künstler kommen:, man ist mit Professoren, dem Geldadel und den Politikern bestens befreundet.
Es sei jedem jungen Künstler, der über ein ECHTES Talent verfügt, davon abzuraten, diesen brotlosen Beruf zu ergreifen, er wird verzweifeln.
Wenn jemand, der für Werke Unsummen verdient, und auch noch über eine hohe Pension verfügt, auch noch 30.000 Euro an Steuergeld annimmt, statt es den talentierten Studierenden zur Verfügung zu stellen, die nicht wissen, wie sie die nächste Miete bezahlen sollen, ist die Person selbst und das gesamte System zu hinterfragen, denn die Werke selbst entwerten den Preis.
Jeder Fleck wird heute zur Kunst erklärt, es geht nicht um die WAHRE Kunst, sondern um die WARE Kunst, die ein Spiegel der Gesellschaft ist.
Wer macht Kunst ?,-der Handel und die Gesellschaft.
Sind angesichts des Preises Kunsthochschulen noch notwendig? Und wenn ja, was studiert man dort ?
"Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten." Karl Kraus (angeblich)