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Daniel SpoerriDer Esskünstler und Fallensteller wird 90

Daniel Spoerri hat am 27. März Geburtstag. "Ich glaube, dass gar nichts Bedeutendes aus mir geworden ist. Ich bin kein Spezialist im Sinne von irgendetwas", sagt der in Wien lebende Schweizer Objektkünstler über sich selbst.

Ausnahmekünstler Daniel Spoerri © APA
 

"Dieser Film ist ein Geschenk", nannte die Wiener Filmemacherin Anja Salomonowitz ihr Porträt des Künstlers Daniel Spoerri, das im Herbst in österreichischen Kinos zu sehen war. Nun gibt's einen neuen Anlass für Geschenke: Am 27. März feiert der in Wien lebende Schweizer Objektkünstler und Begründer der Eat-Art seinen 90. Geburtstag.

Der Film startete mit Spoerris eigenem Rückwartskurzfilm "Resurrection" (1968), der rückwärts von den menschlichen Fäkalien über den blutigen Teller, die Bratpfanne, die Metzgerei, das Schlachthaus bis hin zur Kuh auf der Weide und zum finalen Kuhfladen. Der Film ist auch Teil der Ausstellung "Amuse-Bouche" im Museum Tinguely in Basel (das freilich wegen des Coronavirus derzeit geschlossen ist). Der Film führt aber den Künstler auch zurück in seine traumatische Kindheit als Sohn eines jüdischen Vaters in Rumänien. Sein ursprünglicher Name war Daniel Isaac Feinstein, ohne F wäre es ihm lieber gewesen, erzählt Spoerri schmunzelnd vor der Kamera. Seine Flucht in die Schweiz, seinen Anfang als Kollege von Jean Tinguely und Yves Klein in Paris, als Mitbegründer des Nouveau Realisme und Erfinder der Eat-Art.

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Mit "Dieser Film ist ein Geschenk" ehrt die Wiener Filmemacherin Anja Salomonowitz im Vorjahr den Künstler © APA

Geboren wurde Daniel Spoerri 1930 in Galati. 1941 wurde sein Vater von rumänischen Faschisten ermordet. Ein Jahr später floh seine Mutter Lydia Spoerri, eine Schweizerin, mit ihren sechs Kindern nach Zürich. Hier und in Paris ließ sich Daniel Spoerri zum Balletttänzer und Pantomimen ausbilden und war dann einige Jahre Solist am Stadttheater Bern. Unter anderem choreografierte er ein Farbenballett, zu dem Jean Tinguely, mit dem er seit 1950 befreundet war, ein bewegliches Bühnenbild entwarf. "Ich bin ein Auslands-Schweizer, der aus eigenem Willen nicht in der Schweiz wohnt", meinte Spoerri im November im APA-Interview. "Ich habe ein zwiespältiges Verhältnis zur Schweiz. Meine Jugend war viel mehr vom Jüdisch-Sein geprägt."

Verschrieben hatte er sich aber auch der Literatur, konkreter: der visuellen Poesie und der verlegerischen Arbeit. Ende der 1950er-Jahre gründete Spoerri in Paris die Edition MAT (Multiplication d'art transformable) und vertrieb zum Einheitspreis von 200 Francs vervielfältigte Werke von Man Ray oder Marcel Duchamp. Er unterzeichnete das Manifest des "Nouveau Realisme" und stellte erste Fallenbilder aus. Eine seiner Assemblagen heißt "Le Petit Déjeuner de Kichka" (1961) - sie ist im Besitz des Museum of Modern Art in New York - und setzt sich unter anderem zusammen aus einem Stück Baguette, Eierschalen, einem Salzstreuer, einer Schachtel Haferflocken, einer Schere und einem Kugelschreiber. Essen ist für Spoerri Genuss und sozialer Akt. Und daraus fertigt er auch Kunstwerke, die sich an die Wand hängen lassen.

Schließlich betätigte sich Spoerri auch als Lehrer und Museumsgründer. Ende der 70er-Jahre sammelte er in Köln zusammen mit Studierenden der Fachhochschule für Kunst und Design Objekte der Stadtgeschichte und realisierte damit das "Musée sentimental". Zwanzig Jahre später, 1997, schenkte er sein Archiv der Schweizerischen Landesbibliothek (heute Nationalbibliothek) und legte in Seggiano in der Toskana den Grundstein für seinen eigenen Skulpturengarten, "Il Giardino di Daniel Spoerri". Platz finden hier eigene Werke neben solchen seiner Freundinnen und Freunde: Eva Aeppli ist ebenso präsent wie Bernhard Luginbühl, Meret Oppenheim, Dieter Roth und Jean Tinguely.

Seit 2007 lebt er in Wien. "Ich wollte eigentlich nach Triest, es ist wunderschön, aber ich habe festgestellt, dass ich dort verloren wäre." In der Toskana traf er auf den Wiener Kunsthändler und seine Freunde. Und fand über eine junge Kunsthistorikerin, die gerade umgesattelt hatte auf Wohnungsvermittlung, eine Bleibe in Wien. "Ich wohne noch immer in der selben Wohnung, direkt neben dem Flohmarkt, in der Kettenbrückengasse...." Das habe sich als besonders praktisch für seine Objekt-Streifzüge herausgestellt, deren ganze Lager füllende Resultate man in Salomonowitz' Film sieht.

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Eat Art à la Daniel Spoerri © APA

2009 hat Spoerri im niederösterreichischen Hadersdorf am Kamp zwei Liegenschaften in eine gemeinnützige Stiftung eingebracht, die unter dem Namen "Eat Art & Ab Art" als Esslokal, Ereignis- und Ausstellungsort genutzt werden. Hier hätte am 28. März die Jubiläumsausstellung "Daniel Spoerri & die Eat Art" eröffnet werden sollen.

"Ich glaube, dass gar nichts Bedeutendes aus mir geworden ist. Ich bin kein Spezialist im Sinne von irgendetwas. Ich mache nur, was ich meine machen zu müssen von Tag zu Tag", meint Spoerri. Er wolle nur "weitermachen. Ohne behindert zu werden. Das würde mir schon gefallen, wenn das so weitergeht..." Und auf die Frage, ob ihm der kommende Geburtstag Angst mache, antwortete er im November: "Eindeutig. Vielleicht werde ich verschwinden und gar nicht da sein."

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