EröffnungNeuaufstellung und "frischer Blick" im Oberen Belvedere

Nach einer "Operation am offenen Herzen" eröffnet am Donnerstagabend die neu konzipierte Schausammlung im Oberen Belvedere. Generaldirektorin Stella Rollig präsentierte bei einer Presseführung die neue, von Themensälen unterbrochene, chronologische Hängung von Werken aus 800 Jahren österreichischer Kunstgeschichte. Der Fokus liegt dabei auf einem "frischen Blick" und mehr Kontextualisierung.

BELVEDERE JAHRES-PRESSEKONFERENZ: ROLLIG / BERGMANN
Belvedere-Generaldirektorin Stella Rollig © APA/HERBERT NEUBAUER
 

"Bald nach meinem Antritt zu Beginn des Jahres 2017 habe ich gesehen: Die Schausammlung ist nicht so, wie wir uns ein Museum heutzutage wünschen", erläuterte Rollig ihre Motivation, das bisherige Konzept umzukrempeln. Gemeinsam mit der Vermittlungsabteilung und den Sammlungsleitern habe man "sehr publikumsorientiert" versucht, schlüssige Zusammenhänge zu finden und auch mehr Information zu den Werken und der jeweils gezeigten Periode zur Verfügung zu stellen.

Dabei sei es auch darum gegangen, sowohl den zahlreichen Touristen als auch den heimischen Besuchern, die das Haus öfter besuchen, einen Mehrwert zu bieten. Auf einer Metaebene habe man auch versucht, sich die Frage nach der Darstellung einer österreichischen Identität mithilfe des Kunstschaffens über die Jahrhunderte hinweg zu stellen.

Bevor man noch die Sammlungspräsentation im ersten und zweiten Stock des Oberen Belvedere betritt, lohnt sich ein Blick in zwei neu geschaffene Ausstellungsräume, die sich ausschließlich der Geschichte des Hauses widmen. Zwischen Shop und Cafe erstreckt sich dort eine lange Zeitleiste, die die Entwicklung des Hauses vom Bau auf Betreiben von Prinz Eugen von Savoyen (1663 - 1736) über die Museumsgründung und die Gründung der Modernen Galerie bis zu seiner heutigen Gestalt nachzeichnet. Auch der Geschichte der Restitutionsfälle im Haus wird breiter Raum gegeben.

Direkt gegenüber im Westflügel werden unter dem Titel "Carlone Contemporary" künftig die zeitgenössischen Interventionen im Haus präsentiert. Unter den mythologischen Fresken im Carlonesaal macht die österreichische Künstlerin Ines Doujak den Anfang und zeigt ihre Skulptur der Hera, die sich kniend einem Spiegel zuwendet, während ihr Kleid hochrutscht. Aus dem freiliegenden Hinterteil strömt Weihrauch, der den ganzen Saal einnimmt. Die Künstlerin will die antike Göttin dabei in einem "intimen Moment" zeigen, in dem sie sich ihrem untreuen Gatten Zeus entzieht, wie sie am Donnerstagvormittag erklärte.

In den Ausstellungsräumen im ersten Stock stehen dann das barocke Österreich, der Themenraum "Habsburg - Mythos und Wahrheit" sowie "Österreich im Aufbruch" auf dem Programm. Der Publikumsmagnet - Klimts "Kuss" - wurde aus der früheren strikten Klimt-Präsentation herausgelöst und präsentiert sich nun auf hellem Hintergrund im Ostflügel.

Dem Gemälde gegenübergestellt werden einerseits mit "Sonja Knips" und "Fritza Riedler" zwei Frauenbildnisse des Künstlers, mit Egon Schieles "Edith Schiele" und Richard Gerstls "Schwestern Frey" will man andererseits bewusst auch jenes Umfeld zeigen, in dem der berühmte "Kuss" entstand. Neu sind auch jene kleinen Tafeln, die neben ausgewählten Werken weitere Hintergrundinformationen zu den einzelnen Gemälden bieten.

Neben der Leihgabe des 2001 restituierten Landschaftsgemäldes "Forsthaus in Weißenbach I (Landhaus am Attersee)" von Gustav Klimt findet sich auch eine weitere Besonderheit im angrenzenden Saal: Kurator Markus Fellinger ist im Archiv der Universität Wien auf eine Korrespondenz Klimts mit dem Botaniker Anton Kerner gestoßen, die ihn schließlich zu dem 1891/92 entstandenen Auftragswerk "Marie Kerner von Marilaun als Braut im Jahr 1862" führte, das nunmehr bis zum Sommer als Leihgabe zu sehen ist. Kontextualisiert wurde das Werk mit zwei weiteren Werken Klimts, die er auf Basis einer Foto-Vorlage schuf.

Als zeitgenössische Intervention unterbricht die Installation "The Family of Austrians" von Christian Philipp Müller die Raumfolge: Die Nominierung des Schweizer Künstlers für den Österreich-Pavillon auf der Biennale von Venedig (gemeinsam mit Gerwald Rockenschaub und Andrea Fraser) hatte 1993 Kontroversen ausgelöst.

In seiner Arbeit geht er in Bezug auf die Fotoausstellung "The Family of Man" (1955) der Frage nach, inwieweit Bilder eine Nation präsentieren können. Im zweiten Stock widmet man sich unter dem Titel "Österreich im Exil" jener Kunst, die auf Grund von Migration nach dem Ersten Weltkrieg und Vertreibung im Nationalsozialismus entstand oder das Exil und die Kriegsfolgen thematisierte.

Und so schließt sich der Bogen, den die insgesamt 420 Werke vom Mittelalter bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts schlagen. "Unser Zugang ist ein deutlich zeitgenössischer", freute sich Stella Rollig über das Ergebnis der Neuaufstellung der 15.000 Werke umfassenden Sammlung. "Wir vermitteln kein trockenes Faktenwissen, sondern lassen die Anliegen und Motivationen der Künstler lebendig werden." Dieser Lebendigkeit lässt sich ab sofort nachspüren, ein einziger Besuch mag dafür allerdings wohl kaum ausreichen.

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