Neue Galerie

Der Plan war grandios, die Ausführung dann nicht ganz so: 14.000 Wohnungen für 50.000 Menschen sollte der Stadtteil „Split 3“ nach dem Willen seiner jugoslawischen Planer ursprünglich bieten, in den 1970er-Jahren wurde ein Teil davon gebaut, der Rest blieb unverwirklicht. Heute ist die brutalistische, partizipativ angelegte Architektur auch Streitobjekt rund um Stadtentwicklung, Ökologie und die Erhaltung öffentlichen Raums. Das thematisiert die Grazer Künstlerin Julia Gaisbacher in ihrem Fotoprojekt „Mapping Split 3“: 70 Bilder im Dauerloop sind zum Dokument über Istzustand und Stimmung in der unvollendeten Anlage montiert. Damit ist Gaisbacher eine von 34 Beitragenden zur Ausstellung „Kunstraum Steiermark 2022“. Und damit eine jener Künstlerinnen, Künstler und Kollektive, deren Arbeit das Land Steiermark 2021 und 2022 mittels Stipendien gefördert hat. Die Schau versammelt Werke, die im Zuge ortsunabhängiger Arbeitsstipendien oder von Auslandsaufenthalten etwa in Triest, Trogir, Athen, Jerusalem, New York entstanden und von einer Jury ausgewählt worden sind. Der Schauplatz Neue Galerie, in dem entsprechende Förderprojekte auch künftig im Zweijahresrhythmus zu sehen sein werden, gibt den Objekten Raum für die Auseinandersetzung etwa mit Fragen von Pandemie, Krieg, Ökopolitik, Transhumanismus. So haben Nayari Castillo und Hans Holger Rutz mit „Swap Rogue“ aus Draht, Elektronik, Keramik, Pflanzenteilen eine Art Organismus gebaut, der auf Reize von außen zu reagieren scheint. Das Kollektiv Gukubi Mato hat in einem Akt von Fossilienbereitstellung für die Nachwelt ein Fast-Food-Menü in Beton gegossen, Carolina Sales Teixeira ihrer verstorbenen Mutter ein Denkmal in Pflanzenbildern und Braille gesetzt. Franz Kapfers Grafiken sezieren die Schichten von Schutz- und Einsatzkleidung. Bei aller Unterschiedlichkeit eint eines die versammelten Positionen: In der Zusammenschau findet sich in das Unbehagen an der Gegenwart abgebildet. Ute Baumhackl 

Kunstraum Steiermark 2022. Neue Galerie, Graz. Bis 19.November 2023. www.museum-joanneum.at

Zeltdach aus Secondhand-Stoffen: Manuel Gorkiewicz
© Manuel Gorkiewicz

Artelier Contemporary

Ein Supertanker, der nach einem Feuer auseinanderbricht, nukleare Unfälle und andere Nachrichten aus der Kategorie „Alarmstufe Rot“. Keine kleinen Katastrophen, die schon in den 80ern in der Kleinen Zeitung standen. Der mediale Alarmismus von damals trifft auf die Katastrophenstimmung von heute – nur größer, zumindest was das Trägermedium betrifft: auf die Süddeutsche Zeitung. Beide sind für Manuel Gorkiewicz wichtige Ankerpunkte, die bei seiner ersten Personale in Graz seinen Niederschlag finden. Fein säuberlich wie Partyutensilien oder Dekogegenstände gefaltet, verschränkt der 46-jährige Grazer diese beiden Zeitebenen in Collagen und „sperrt“ sie in Plexiglasboxen. Ein Tanz auf dem Vulkan, die flüchtigen Schlagzeilen fein säuberlich wie historische Artefakte archiviert. Ein Vorteil davon: Man kann sich leicht vom Geschehen distanzieren. Darüber spannt Gorkiewicz eine Art Zeltdach aus Stoffen, die er Secondhand in der Großpackung gekauft hat. Eine Reminiszenz an die Lumpensammler früherer Zeit und an den Pritzker-Preisträger Frei Otto, dessen Olympiastadion in München den Künstler schon als Kind tief beeindruckt haben. Eine vielschichtige Verdichtung aus persönlicher Erfahrungswelt und medialer Abbildung ökologischer Krisen. Susanne Rakowitz

Manuel Gorkiewicz. „Frei“, bis 16. Dezember, Griesgasse 3, Graz. www.artelier-contemporary.at