Krieg mit all seinen Facetten ist in mehrfacher Hinsicht unfassbar. Aber es sind die scheinbar kleinen Dinge, die die Tragödien greifbar machen: Die ukrainische Fotografin und Filmemacherin Zoya Laktionova stammt aus Mariupol, jener Stadt, die dem Erdboden gleichgemacht wurde. Sie selbst und ihre Familie sind geflüchtet und entwurzelt. Der Verlust der eigenen Geschichte, der an diesen Ort geknüpft ist, manifestiert sich eben in diesen kleinen Dingen: Da wäre ihr allererster verlorener Zahn, von der Mutter aufbewahrt, oder eine Vielzahl analoger Familienfotos. Seit 2014, seit Beginn der russischen Invasion, dokumentiert sie das Schicksal der Stadt und ihrer Menschen. Einer dieser Filme, „Territory of Empty Windows“, ist ab 1. Juli in der Ausstellung „Ein Krieg in der Ferne. Prolog“ zu sehen.

Mirela Baciak, David Riff (Kurator*innen), Peter Peer (Leiter Neue Galerie), Ekaterina Degot (Intendantin steirischer herbst), Landesrat Christopher Drexler, Zoya Laktionova (Künstlerin), Wolfgang Muchitsch (wiss. Direktor UMJ), Kateryna Lysovenko (Künstlerin), Foto: UMJ/J.J. Kucek
Mirela Baciak, David Riff (Kurator*innen), Peter Peer (Leiter Neue Galerie), Ekaterina Degot (Intendantin steirischer herbst), Landesrat Christopher Drexler, Zoya Laktionova (Künstlerin), Wolfgang Muchitsch (wiss. Direktor UMJ), Kateryna Lysovenko (Künstlerin), Foto: UMJ/J.J. Kucek
© UMJ/J.J. Kucek


Die Ausstellung ist ein Prolog des steirischen herbstes in Zusammenarbeit mit der Neuen Galerie als Ideengeber (Günther Holler-Schuster) und Ort der Schau. Es sind Film- und Videoarbeiten ukrainischer Künstlerinnen und Künstler vor allem aus den Jahren 2018 bis 2021, die diesen Krieg, der in unserem Wahrnehmungsfeld erst seit dem 24. Februar so richtig auftaucht, nachzeichnen: „Wir wollen diesen visuellen Stimmen eine Plattform geben, um die Komplexität der Situation zu zeigen“, erklärt herbst-Intendantin Ekaterina Degot. Die gebürtige Russin wird sich ganz bewusst nicht an der Ausstellung beteiligen, wie sie bei der Pressekonferenz erklärte: "Ich bin seit fast zehn Jahren nicht mehr in Russland, aber ich fühle mich – wie viele andere Russen auch – schuldig".

"Wie können wir dieser Situation als Kulturinstitution begegnen", war für Peter Peer, Leiter der Neuen Galerie, eine der wichtigsten Ausgangsfragen zur aktuellen Situation. Klar war für ihn: "Wir wollten es nicht bei einer spontanen Solidaritätsbekundung belassen."

Dass diese Schau, ein Vorbote zur Ausstellung im Herbst, in dieser Rekordzeit konzipiert werden konnte, liegt auch an der Fülle des Materials, sagt David Riff, einer der beiden Kuratoren: „Filme und Videokunst haben in der Ukraine bereits eine große Rolle gespielt“ und verweist auf die Vielfalt der Techniken, um diesen Konflikt zu dokumentieren. Wie auch Zoya Laktionova bekräftigt, sei es eine der wichtigsten Aufgaben ukrainischer Künstlerinnen und Künstler, mit ihren Arbeiten die Kultur des Landes trotz aller Zerstörung sichtbar zu machen und für die Zukunft zu dokumentieren.

"Ein Krieg in der Ferne. Prolog. Die umkämpfte Ukraine in
Videokunst und Film." 1. Juni bis 1. August, Neue Galerie Graz. Begleitet wird die Ausstellung von einem Symposium am Eröffnungstag