Da sitzt sie mit 81 Jahren in einem Lehnstuhl, porträtiert 1961 vom Maler Werner-Viktor Toeffling. Entspannt? Irgendwie nicht. Angespannt? Auch nicht. Gespannt wäre wohl die treffende Bezeichnung. Gespannt, was das Leben noch für sie bereithält. Zehn Jahre hat sie noch zu leben und hinter ihr liegt mehr, als in ein gewöhnliches Leben passt.
Das Leben der Tilla Durieux war alles andere als gewöhnlich. 1880 als Ottilie Godeffroy in einem gutbürgerlichen Haus in Wien geboren, wird ihre erste Rebellion mit 16 Jahren ihr den Weg weisen: Schauspielerin will sie werden. Nein, wird sie werden. Nur den Namen soll sie gefälligst ändern, zwingt sie die Mutter. Schauspielerin? Wer wird schon Schauspielerin?

„Tilla Durieux. Eine Jahrhundertzeugin und ihre Rollen“, heißt die von Daniela Gregori kuratierte Schau im Leopold Museum. Wobei es vor allem die 233 Werke sind, darunter 14 Gemälde, 16 Skulpturen, 81 Papierarbeiten und 84 Fotografien, die Zeugnis davon ablegen, wie der Personenkult um Stars schon um die vorletzte Jahrhundertwende eine enorme Dimension hatte. An der Durieux kam man einfach nicht vorbei.
Die Liste der Künstlerinnen und Künstler, die sie porträtierten, liest sich wie das Whos who der Zeit: Max Oppenheimer, Lovis Corinth, Franz von Stuck, Oskar Kokoschka, Lotte Jacobi, Pierre-Auguste Renoir. Letzterer handelte, wie einige andere auch, im Auftrag von Durieux’ zweitem Mann, dem Kunsthändler und Verleger Paul Cassirer.

Der künstlerische Blick auf Durieux, der vor allem auch ihre Wandlungsfähigkeit als Künstlerin abbildet, überlagert bisweilen die schlaglichtartige Inszenierung biografisch einschneidender Entwicklungen: Im Ersten Weltkrieg arbeitet sie als Krankenschwester in Berlin, sie lernt Rosa Luxemburg kennen und unterstützt sie finanziell während eines Gefängnisaufenthaltes. Im Zweiten Weltkrieg flüchtet sie filmreif von Prag nach Zagreb und ist dort im Widerstand aktiv. 1955 kehrt sie nach Deutschland zurück und bleibt bis knapp vor ihrem Tod aktiv – auf Bühnen, im Film, Fernsehen und Radio.

Vielleicht sollte man die verdichtete Ausstellung gleich mehrfach durchwandern, um jeweils die einzelnen roten Fäden aufzunehmen, die hier darüber hinaus gesponnen werden: Die Inszenierung der Schönheitsideale der Zeit, die Vermarktung von Prominenz, die Rolle von Durieux als Role Model der „Neuen Frau“ der 1920er-Jahre, die arbeitet, ihr Geld selbst verdient, Bubikopf trägt und eine eigene Vorstellung vom Leben hat. Und dass diese Vorstellung für die meisten anderen Frauen nicht mehr als graue Theorie war. Was man noch sehen kann: die unbändige Leidenschaft zum Widerstand – in allen Belangen. Und einen guten Sinn für Humor, um sie zu zitieren: „Wer von der Hoffnung lebt, wird wenigstens nicht dick.“