Das Kino, dieser seltsame Zwitter aus Kunst und Unterhaltung, Anspruch und Geschäft, brachte fast vom Moment seiner Geburt an die Leute zum Fürchten. Allein durch seine Präsenz: Dass die Zuseher des 45-sekündigen Films „Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat“ im Jahr 1896 in einem Pariser Café in Panik vor dem Zug die Flucht ergriffen haben, ist wahrscheinlich nur eine gut erfundene Geschichte, die das Wegschauen gleich alt wie das Hinschauen machen würde. Das frühe Kintopp wimmelte aber schnell vor Gruselgeschichten, von Geisterbahn-Kaspereien wie „La manoir du diable“ (1896) bis zum Kunstfilm „Der Student von Prag“ von (1913). Der Horrorfilm war immer da, kam oft auch in großen Wellen, etwa in den 1930-ern und den 1970-ern. Aktuell ist das Filmgenre so beliebt wie nie zuvor.

Die klassische Theorie zur Faszination Horrorfilm besagt, dass der Genuss darin bestehe, dass man sich einer Angst aussetzt, während man sich in Wahrheit in Sicherheit befindet. Es ist eine Mutprobe, die nicht wirklich gefährlich ist, die Glücksgefühle nach überstandener „Prüfung“ sind dagegen echt.

Auf Jugendliche übten Horrorfilme auch stets den Reiz des Verbotenen aus, verhießen sie doch einen Blick in die Welt, die nur Erwachsenen vorbehalten ist. Wobei sich die Drastik der Bilder im Lauf der Jahrzehnte sich immer weiter verschärfte. Es scheint Filme zu geben, die einen zum Wegschauen zwingen möchten. Eine Warnung, die man mit Lust ignoriert.



Dabei galt Horror meist als Schund, der allein die Schaulust befriedigt und in den Schmuddelecken der Filmwelt gedieh. Zwischen Horrorfilmen und der Gesellschaft, die sie hervorbringt, bestehen jedoch enge, aufschlussreiche Verbindungen, die häufig beschrieben worden sind. Die jeweilige Zeit gebiert ihre Monster. In der Weimarer Republik zwischen den Weltkriegen streiften somnambule, willenlose Geschöpfe über die Leinwand. Just während großer Modernisierungsschübe gruselte man sich vor alten Mythen. In den sechziger Jahren fürchtete man sich vor der Wissenschaft, später vor dem Vietnamkrieg. Die Konsumgesellschaft brachte den hirnlosen Zombie als Schreckgespenst hervor. Zeitgleich mit der Auflösung von sozialen und familiären Bindungen wurden die Filme härter, was schließlich zu den zynischen Fantasmagorien des Asozialen im Folter-Kino der Gegenwart führte („Saw“). Interessanterweise brachte der 2. Weltkrieg eine Zäsur, so unpopulär wie damals war der Horrorfilm davor und danach nicht. Das echte Grauen tut dem erfundenen nicht gut.

Das jugendliche Publikum wurde als Zielgruppe entdeckt, und ist es bis heute die wichtigste geblieben. Der Teenie-Horror von „Halloween“ und „Freitag, der 13.“ bis „Scream“ und „It Follows“ ist immer ähnlich gestrickt. Der Horror, der diese Jugendlichen quält und verfolgt ist als Metapher für die Furcht vor dem Erwachsenwerden lesbar. Der Übergang von Kind zum Erwachsenen ist so voller realer Schrecken, dass diese Teeniefilme häufig wie deformierte Coming-of-Age-Storys anmuten. Wobei fast immer ein Happy End möglich scheint und der Horrorfilm zum modernen Märchen wird, das Ängste überwinden hilft. Genau diese Lebensnähe zeichnet das Horrorgenre vor dem heute dominanten Actionkino aus. So unrealistisch die Geschichten sind, haben sie doch mehr mit dem Leben ihrer Betrachter zu tun, als der letzte „Marvel“-Blockbuster.

So lange man den Schrecken auf die Leinwand bannen kann und selbst in Sicherheit ist, bereiten uns die Horrorfilme dieser Tage wieder angenehme Angstlüste. Die Vorstellung, das Gesehene könnte tatsächlich Realität werden, ist eines der ältesten Motive im Horrorkino. Und zählte immer zu den schrecklichsten, raffiniertesten Waffen im Arsenal der Horrofilmer. Vielleicht sind deshalb die Sätze, die Mia Farrows Charakter in „Rosemaries Baby“ sagt, die Allerunheimlichsten der gesamten Horrorfilmgeschichte: „Das ist kein Traum! Das passiert wirklich!“