Österreichischen Archäologen ist in Ephesos (Türkei) ein Sensationsfund gelungen. Unter einer mächtigen Schutt- und Brandschicht haben sie bei den diesjährigen Ausgrabungen ein frühbyzantinisches Geschäfts- und Lokalviertel freigelegt. "Was uns völlig überrumpelt hat, ist der hervorragende Erhaltungszustand der Funde", sagte Grabungsleiterin Sabine Ladstätter zur APA. Sie wertet diese als bedeutendste Entdeckung in der antiken Metropole seit dem Fund der berühmten Hanghäuser.

Das Österreichische Archäologische Institut (ÖAI) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gräbt seit 1895 in Ephesos in der Nähe von Selçuk in der Westtürkei. Die Stadt besaß mit dem Heiligtum der Artemis eines der Sieben Weltwunder der Antike. Ihre erste Blüte erlebte sie unter den Griechen, die Römer machten sie zur Metropole, und für die Christen war sie Ziel der ersten Wallfahrten.

Die Entdeckung des Privatraums

Eine der großen aktuellen Fragen der österreichischen Forschung ist der Übergang der Stadtgeschichte Ephesos von der Spätantike zum Mittelalter. "Von vielen Orten kennt man das Phänomen, dass große Platzanlagen der römischen Kaiserzeit in der Spätantike nicht mehr benutzt und mit Werkstätten und Geschäftslokalen überbaut wurden", so ÖAI-Direktorin Ladstädter. Hintergrund sei ein geändertes Repräsentationsverhalten: "Während in der Kaiserzeit noch viele kultische Aktivitäten gemeinschaftlich im Freien stattfanden, verlagerten sich diese in der Spätantike in Kirchen und private Räume", erklärte die Archäologin.

SABINE LADSTAeTTER IST 'WISSENSCHAFTERIN DES JAHRES'
War 2012 Wissenschaftlerin des Jahres: Sabine Ladstätter
© APA/GEORG HOCHMUTH

Um herauszufinden, ob das auch in Ephesos der Fall war, haben die Wissenschaftler heuer am Domitiansplatz gegraben, einer prominenten Platzanlage, die an das politische Zentrum der römischen Stadt, die Obere Agora, anschließt. Gleich unter der obersten Humusschicht stießen sie auf Maueroberkanten, gruben sich dann durch meterweise Aufschüttungsmaterial und stießen schließlich auf eine etwa einen halben Meter mächtige Brandschicht.

Auf 170 Quadratmetern

Versiegelt durch diese Schichten blieb in etwa 3,5 Meter Tiefe eine einzigartige Momentaufnahme der damaligen Lebenswelt erhalten. Auf einer Fläche von rund 170 Quadratmetern wurde eine kleinteilige Verbauung von mehreren Geschäftslokalen freigelegt, die im Jahr 614/15 in voller Blüte standen. Die Wissenschaftler fanden Tausende Gefäße, darunter im Ganzen erhaltene Schüsseln mit Resten von Meeresfrüchten wie Herzmuschel oder Austern, Amphoren gefüllt mit eingesalzenen Makrelen, Kerne von Pfirsichen, Mandeln und Oliven, verkohlte Hülsenfrüchte, mehrere Geschäftskassen mit über 700 Kupfermünzen sowie vier zusammengehörige Goldmünzen und Goldschmuck.

Aufgrund der Funde haben die Wissenschaftler die frühere Nutzung der Räume rekonstruiert. Es handelt sich demnach um eine Garküche, einen Lagerraum, eine Taverne, eine Werkstätte mit angeschlossenem Verkaufsraum sowie ein Geschäft für Lampen und christliche Pilgerandenken. "Gleich neben der Eingangstür dieses Geschäfts muss wahrscheinlich ein großer Korb gefüllt mit rund 600 kleinen Pilgerfläschchen gestanden sein, die an christliche Wallfahrer verkauft wurden", vergleicht Ladstätter den Fund mit heutigen Andenkengeschäften in Wallfahrtsorten.

"Wir haben hier tatsächlich den letzten Tag der Nutzung dieses Bereichs freigelegt. Das ist mein 37. Grabungsjahr und bisher habe ich nichts Vergleichbares gesehen", zeigte sich die Archäologin über den Erhaltungszustand begeistert. Doch das rege Geschäfts- und Handwerksleben wurde jäh unter der einen halben Meter dicken Brandschicht im Jahr 614/15 beendet, wie die Datierung durch Münzen zeigte. Nachdem es keine Hinweise auf ein Erdbeben gibt, etwa verschobene Mauern oder aufgewölbte Böden, gehen die Wissenschaftler von einer kriegerischen Auseinandersetzung aus. Davon zeugen auch zahlreiche gefundene Pfeil- und Lanzenspitzen.

"Es war sicher ein feindlicher Angriff"

Bisher habe es nur schriftliche Zeugnisse über den Einfall der persischen Sasaniden gegeben, was sehr stark angezweifelt wurde, betonte Ladstätter. Doch auch in der rund 100 Kilometer von Ephesos entfernten Stadt Sardis gibt es Zeugen von Zerstörungen aus dieser Zeit. "Es war sicher ein feindlicher Angriff, der so massiv gewesen sein muss, dass er in der Stadt selbst dramatische Veränderungen eingeleitet hat", so die Archäologin. So sei Ephesos im siebten Jahrhundert sprunghaft kleiner geworden, der Lebensstandard deutlich gesunken und viel weniger Münzen im Umlauf gewesen.

Die Gründe dafür habe man bisher nicht gekannt. Aufgrund der neuen Funde "wird man diese Zäsur in der Stadtgeschichte von Ephesos nun wohl mit den Sasanidenkriegen in Zusammenhang bringen müssen".

Bei den Ausgrabungen wurden in dem Areal keine sterblichen Überreste von Menschen gefunden. "Möglicherweise hat der Angriff in der Nacht stattgefunden", vermutet die Wissenschaftlerin. Es sei aber auch niemand zurückgekommen, um die wertvollen Gegenstände in den Geschäften zu bergen. Das könnte ein Hinweis auf die bisher nur aus literarischen Überlieferungen bekannte Kriegsführung der Sasaniden sein, die viele Menschen getötet, aber auch viele versklavt und verschleppt haben.

Das Geschäftsviertel am Domitiansplatz sei sicher viel größer gewesen – Ladstätter schätzt rund sechsmal so groß wie das ausgegrabene Areal. Doch die Archäologen wollen in Zukunft nur noch ganz gezielt Bereiche ausgraben, jetzt stehe vor allem die Sicherung, Restaurierung und wissenschaftliche Aufarbeitung der Funde im Vordergrund. Auch die freigelegten Mauern sollen gesichert werden, "weil das ist ja ein sehr prominenter Platz, an dem jährlich zwei Millionen Touristen vorbeigehen", so die Archäologin. Künftig sollen die Besucher der Ausgrabungsstätte auch über den Fund informiert werden und Teile davon im Ephesos-Museum in Selçuk gezeigt werden.