Eigentlich war es Laura Poitras‘ großer Moment. Als Jury-Präsidentin Julianne Moore bei den 79. Filmfestspielen von Venedig am Samstag den Gewinner des Goldenen Löwen bekanntgab, fiel schließlich der Titel ihres Films „All the Beauty and the Bloodshed“. Doch als die Regisseurin dann mit der Auszeichnung auf der Bühne stand, stellte in ihrer Dankesrede die Frau ins Zentrum, um die es auch in ihrem Dokumentarfilm geht: Nan Goldin. „Ich habe in meinem Leben viele mutige Menschen kennengelernt“, sagte Poitras, die 2015 den Oscar für ihre Doku „Citizenfour“ über Whistleblower Edward Snowden bekam. „Aber ich habe nie jemanden wie Nan getroffen, die sich entschlossen hatte, es mit der Sackler-Familie aufzunehmen, die rücksichtslos und verantwortlich für unzählige Tote ist.“

Ihr Film, der Überraschungsgewinner des Festivals, zeigt dementsprechend Goldin als Aktivistin in ihrem David-gegen-Goliath-Kampf gegen die milliardenschwere US-Pharma-Dynastie. Die Sacklers, auch einflussreiche Kunstmäzene, werden für die große Opioidkrise in den USA mitverantwortlich gemacht. Ihr Unternehmen hat unter anderem das stark suchterzeugende Schmerzmittel Oxycodon auf den Markt gebracht, von dem auch Goldin abhängig wurde. Dieses Engagement ist aber nun eine Hälfte dieses spannenden, thematischen Doppels von „All the Beauty and the Bloodshed“. Denn der Film ist gleichsam auch Porträt der berühmten Künstlerin und Fotografin, die mit ihren Arbeiten seit den 70er Jahren unter anderem roh-dokumentarische, teils sehr intime Einblicke in die (LGBTQ-)Subkulturen gab. „Das ist die andere Art von Mut, den Nan hat. Sie begibt sich in die Tiefen ihrer Seele und teilt Dinge mit uns und ihrem Publikum, die die meisten Menschen nicht einmal mit denjenigen teilen, die ihnen am nächsten sind“, erklärte Poitras, mit der bereits zum dritten Mal hintereinander eine Regisseurin in Venedig triumphierte – und die sich mit der einzigen Doku im Wettbewerb gegen die Konkurrenz von 22 Spielfilmen durchsetzen konnte.

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Nan Goldin und Laura Poitras präsentierten den späteren Siegerfilm in Venedig gemeinsam
© APA/AFP/TIZIANA FABI

Nicht nur beim Goldenen Löwen, auch bei den anderen wichtigen Preisen fiel die Wahl der Jury vor allem auf die Beiträge, die sich kämpferisch gaben und in denen sich auch gesellschaftliche, politische Ebenen eröffneten. Die Französin Alice Diop etwa erhielt für „Saint Omer“ den Großen Preis der Jury, ein Gerichtsdrama, das sich detailliert dem Fall einer Mutter widmete, die ihr Kind im Meer ertrank. Der Spezialpreis der Jury hingegen ging an „No Bears“ von Jafar Panahi. Der iranische Filmemacher thematisiert darin mit sich selbst in der Hauptrolle das Filmemachen trotz Arbeits- und Reiseverbots und damit seine eigene Situation, in der er sich während des Drehs noch befand. Vor wenigen Monaten wurde Panahi jedoch verhaftet und sitzt seitdem eine sechsjährige Haftstrafe wegen „Propaganda gegen das System“ ab. So wie auf dem roten Teppich wurde auch bei der Preisverleihung gegen die Inhaftierung protestiert. „Wir stehen auf für die Kraft des Kinos und stehen hier für Jafar Panahi“, rief seine Darstellerin Mina Khosrovani, die die Auszeichnung für ihren Regisseur entgegennahm.

Für den Wettbewerb waren die Entscheidungen allerdings nicht wirklich repräsentativ. So vielseitig, so hochkarätig, so spannend der Jahrgang über weite Strecken war: Ein Spiegel der aktuellen Situation der Welt mit Klimakrise, Konfliktherden und Kriegen vielerorts war er nicht, von der Pandemie und ihren Auswirkungen ganz zu schweigen. Die Geschichten zogen sich vor allem zurück: ins Private, Intime und Zwischenmenschliche. Viele erzählten von Freundschaften, Liebesbeziehungen und dem erschütterten Kreis der Kernfamilie – das aber eben in einer ganzen Bandbreite von Belastungsproben, was auch bei den weiteren Preisen zu sehen war. Für „Bones and All“, eine Mischung aus kannibalistischem Horror und romantischer Love-Story mit Taylor Russell und Timothée Chalamet, wurde Luca Guadagnino für die beste Regie ausgezeichnet. „Es gibt für Monster einen Platz in der Welt der Liebe“, sagte der „Call Me By Your Name“-Regisseur in seiner kurzen Ansprache.

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Ausgezeichnet: Taylor Russell ("Bones And All") und Cate Blanchett („Tár“ )
© APA/AFP/ANDREAS SOLARO

Cate Blanchett bekam den Copa Volpi als beste Darstellerin in Todd Fields in Deutschland gedrehtem „Tár“ als erste Dirigentin eines großen, deutschen Orchesters. Mit Nina Hoss an ihrer Seite erlebt sie einen heftigen Karriereabsturz. Ob die Auszeichnung ein Vorbote für den Oscar im nächsten Jahr ist? Colin Farrell hingegen wurde bester Darsteller für „The Banshees of Inisherin“. In der traurigen, schwarzen, sehr irischen Komödie erlebt Farrell, wie ihm Brendan Gleeson die Freundschaft kündigt – mit drastischen Konsequenzen. Es gehe darin, so der über Video aus Los Angeles zugeschaltete Schauspieler, ums Lieben und Geliebtwerden, um das Bedürfnis nach Freundschaft und die Angst vor dem Tod. „Also so viele Dinge, die wir uns jeden Tag fragen.“