Alle, selbst die größten Stars, die Venedig allabendlich im Gewitterlicht der Fotografen über den roten Teppich laufen, brauchen diesen entscheidenden Moment. Denn nur ein Ausnahmetalent allein reicht oft nicht. Zur Zündung von Weltkarrieren muss man auch am richtigen Ort zur richtigen Zeit sein und die entscheidenden Menschen treffen. Wie Bill Pohlads Musikerfilm "Dreamin‘ Wild" auf dem Filmfestival allerdings außer Konkurrenz zeigte, kann dieser Moment auch mit reichlich Verspätung kommen. Im Falle der Brüder Donnie und Joe Emerson, die hier von Casey Affleck und Walton Goggins gespielt werden, sind es sogar etwas mehr als 30 Jahre, als ein Plattenlabel auf die beiden 2010 zukommt.

Das Album "Dreamin‘ Wild", das die beiden in den späten 70ern zusammen als Teenager aufgenommen hatten, verkaufte sich einst nicht sonderlich gut. Der erhoffte Durchbruch blieb aus. Zu ihrer Überraschung aber werden die acht Songs der Emerson Brothers durch Zufall wiederentdeckt und kursieren unter begeisterten Musikfans. Jetzt wird das Album neu aufgelegt, und die Brüder sollen wieder gemeinsam auf der Bühne stehen.

Schon in seinem vorherigen Film "Love & Mercy" beschäftigte sich Regisseur Pohlad nach einer wahren Begebenheit mit einem großen Musiktalent und Band-Brüderkonflikten. Damals ging es um die Biografie von Brian Wilson, dem Mastermind der Beach Boys, dessen Großartigkeit bereits früh erkannt wurde und – wenn auch zu einem hohen Preis für Wilson – zu Weltruhm führte. "Dreamin‘ Wild" ist so etwas wie ein Gegenstück dazu, in dem solch ein Talent erst sehr spät von der Öffentlichkeit erkannt wird.

In all den Jahren dazwischen hat Joe Emerson mit der Arbeit auf der Familienfarm seinen Platz gefunden. Donnie hingegen werkelte zeitlebens mit seiner Frau (Zooey Deschanel) und viel finanzieller Unterstützung seines Vaters an seinem Traum von der Musikerkarriere. Doch die hatte, wie das eigene Business mit dem Tonstudio, nur mäßigem Erfolg. Jetzt besteht für die Brüder die Möglichkeit, zusammen am Damals anzuknüpfen. Doch wie soll das gehen nach all der Zeit, wenn man nicht mehr der 17-jährige Teenager, sondern ein ganz anderer Mensch ist?

Ein Teamfoto von "Dreamin' Wild"
© Joel C Ryan/Invision/AP

Zwischen Vergangenheit und Gegenwart schweifend, zeichnet "Dreamin‘ Wild" die unerwartete, herausfordernde Reise bis zu den ersten gemeinsamen Auftritten nach. Dabei muss vor allem der von Affleck sehr nachdenklich und hadernd gespielte Don sein Leben emotional aufräumen und die aufbrechenden Unstimmigkeiten mit seinem Bruder beseitigen. Wie die wiederentdeckte Musik ist auch der Film ein Glück, wie er von Träumen und Wirklichkeit, vom Zusammenfinden und Zusammenhalt erzählt, sehr bewegend, nicht nur im letzten Moment, wenn auf einmal die echten Emerson-Brüder auf der kleinen Bühne stehen. "Man muss an die Familie glauben, sonst hat man ja gar nichts mehr, woran man glauben kann", sagt der Vater der Emerson-Brüder in einer Szene. Dieser Glaube, wenn man ihn denn hat, konnte in Venedig mitunter auf die Probe gestellt werden.

"The Son" mit Laura Dern und Hugh Jackman

Harte (Wahl-)Familienkost ist in diesem Festival-Jahrgang ein ums andere Mal, nicht nur im Wettbewerb, zu sehen – das war auch in Florian Zellers Löwen-Konkurrenten „The Son“ nicht anders. Bereits mit seinem Debüt, dem Oscar-prämierten Alzheimer-Drama „The Father“ mit Anthony Hopkins, hatte der französische Autor, Dramaturg und Regisseur eines seiner eigenen Theaterstücke verfilmt. Nun adaptiert er abermals ein eigenes Stück.

Für sie hat es schon rote Rosen geregnet: Vanessa Kirby
© AP

Hochkarätig besetzt mit Laura Dern und Hugh Jackman, geht es darin um ein inzwischen geschiedenes Paar, dessen gemeinsamer Sohn unter starken Depressionen leidet. Das Leben zieht ihn runter, genau wie dieser Schmerz tief in ihm drin. Während seine Eltern auf die für sie beste Weise versuchen, ihm zu helfen, beobachtet "The Son" mit präzisem, scharfem Blick, was passieren kann, wenn Eltern bei der Erziehung nicht die Fehler ihrer Eltern machen wollen und trotzdem welche machen.

Welche Auswirkungen hat das auf alle Beteiligten? Es sind intensive Emotionen und Auseinandersetzungen, die hier das Leinwandgeschehen bestimmen. Zellers kontrollierte und etwas distanzierte Inszenierung durchdringen sie aber nur selten wirklich. Wenn sie es aber tun, ist diese Familientragödie eine schmerzvolle Kinoerfahrung.