Musikalben im Rückblick 2020Persönliche Zimmerreisen zur Musik

Auch ich war viel zu Hause. Aber es gab so einiges zu entdecken. Die dunklen, gekonnt ignorierten Ecken, den sonnenbeschienenen Dreck an den Fenstern, wie die Temperaturen steigen und fallen, wie lange Blumen blühen, wie weich die Wiese vorm Haus ist, wie aktiv der Igel, wie laut die Vögel, wie oft der Nachbar den Gehsteig kehrt. Und wie weit man sich weghören kann aus den eigenen vier Wänden – wenn man sich nur gehen lässt.

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Einstürzende Neubauten – Grazer Damm

Beginnen wir zu Hause, wo sich die meisten von uns die meiste Zeit dieses Jahr aufgehalten haben. Vielleicht haben auch Sie die Sie umgebenden, aber bisher unbemerkten Hügel begangen; den Ihnen begegnenden, aber stets ignorierten Menschen das erste Mal in die Augen gesehen; Ihre Stadt, Ihr Dorf neu erkundet und dabei Geschichten gefunden. Oder Musik gehört und dabei Geschichte entdeckt. So erging es mir beim Lauschen von "Alles in allem", dem heuer veröffentlichten Album der Einstürzenden Neubauten.
1939 wurde die Straße "Grazer Damm" des Berliner Ortsteils Schöneberg nach Graz benannt. Die Straße ist ein Zeugnis nationalsozialistischer Wohnbauarchitektur.

Einstürzende Neubauten – Grazer Damm
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Einstürzende Neubauten – Grazer Damm

 

Nick Cave – Galleon Ship

17 und 3. "Ghosteen" – das 17. Studioalbum von Nick Cave and the Bad Seeds; Teil 3 der Trilogie, die "Ghosteen" mit den Alben "Push the Sky Away" und "Skeleton Tree" bildet. Und Nick Cave wird nicht schlechter. Es steht ihm, das Alleinsein mit Klavier. Kein Publikum. Ein Idiot Prayer, der melancholische Geister in die Welt schickt: "Ghosteen is a migrating spirit", schreibt Cave über das Album. Falls Sie einem solchen Geist begegnen: Nehmen Sie ihn auf.
 

Nick Cave – Galleon Ship
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Nick Cave – Galleon Ship

Jaye Jayle – The River Spree

Ich war dieses Jahr das erste Mal seit Langem nicht in Berlin. Ich ersetzte meine Berlin-Musikreisen durch musikalische Zimmerreisen, durch eine "Voyage autour de ma chambre" (Xavier de Maistre) nach der anderen. Dafür war Jaye Jayles Song über Berlin als Soundtrack aufgelegt. Das Album "Prisyn" wurde auf den Straßen geschrieben. Evan Patterson, der hinter Jaye Jayle steckt, ist ein musikalischer Wanderer, von dem man nie weiß, wohin es ihn verschlagen wird. Er war schon in den abgelegenen Ortschaften Post-Hardcore, Hardcore Punk, Noise und Indie Rock, nun ging er auch zu Synthie-Beats im Industrial-Viertel. Es liegt übrigens gleich neben Drone.

Jaye Jayle – The River Spree
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Jaye Jayle – The River Spree

Samsara Blues Experiment – End of Forever

Ja, schon wieder Berlin. Aber diese Stadt wird ja nie langweilig. Samsara Blues Experiment bewegen sich zwischen Stoner, Psychedelic und indischem Raga. Und verbinden die verschiedenen Stile perfekt. Da kommen Welten zusammen, die klingen, als hätten sie nur darauf gewartet, endlich einander bekannt gemacht zu werden. "I only learned, the good things weren't made to last" – das Samsara Blues Experiment hoffentlich schon.

Samsara Blues Experiment – End of Forever
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Samsara Blues Experiment – End of Forever

Spaceslug – The Birds Are Loudest in May

Kosmischer Stoner Doom aus Warschau – seit dem nun erschienenen Album "Leftovers" kommt man jedoch um einen Pink-Floyd-Vergleich nicht umhin. Die fünf Songs sind unheimlich organisch, dennoch jede Sekunde bewegt. Sanft wechselnde Dynamiken, so wohlarrangiert, dass man weder sie sich ersehnt noch sie aufhalten möchte. "The Birds Are Loudest in May" habe ich ausgewählt, da auch ich diese Vögel gehört habe. Im Mai, auf meinen Reisen in den Ort, an dem ich wohne.

Spaceslug – The Birds Are Loudest in May
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Spaceslug – The Birds Are Loudest in May

Michelle Blades – TTT

Multihabitantin. Multiprofessionistin. Multiinstrumentalistin. Und in "TTT" vervielfacht sie auch noch ihre Stimme. Eine vielfältige Welt, auf die man hier stößt. Aber Grenzen, das wissen wir alle, sind am schönsten gesprengt.

Michelle Blades – TTT
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Michelle Blades – TTT

Elder – Halcyon

Psychedelisch, progressiv, schlammig – drei Teenager aus Massachusetts veredeln in die Jahre gekommene Genres. Griffiger Ohrwurm-Doom mit klugen Texten. Das Album "Omens" ist hoffentlich ein Vorbote für mindestens genauso gute, die da noch kommen werden. Denn Elders musikalische Reise besteht aus Transformationen – Verwandlungen, die das Vorhergegangene in sich tragen. So erweitert sich Elders Musik ständig, ohne sich je fremd zu werden. Immer auf und davon, aber immer daheim.

Elder – Halcyon
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Elder – Halcyon

Sumac – Consumed

"May You Be Held" – ein vieldeutiger Albumtitel. Soll hier, in düster-pessimistischem Gewand, gar Trost gespendet werden? Man wird übersensibel in Zeiten wie diesen, was bestimmte Themen angeht ... Der Titel könnte sich aber genauso, wenn nicht wahrscheinlicher, auf das Album selbst beziehen, indem er das fehlende Narrativ der Platte prophezeit, weswegen zwischendurch der Halt fehlt. Dissonanzen, mit Versprechen von Harmonie. Einlösung? Na ja. Halten Sie sich sicherheitshalber selber fest, bis zum Schluss. Es könnte Turbulenzen geben.

Sumac – Consumed
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Sumac – Consumed

Maggot Heart – Second Class

Linnéa Olsson ist Maggot Heart. Ein Rock-'n'-Roll-Herz. Und nein, es wird einem Rock nicht madiggemacht – im Gegenteil. Es gibt fast nur schlechteren! Olsson zog von Stockholm nach, Überraschung, Berlin. "Ich hatte die Nase voll von der schwedischen Heavy-Metal-Szene. In Berlin gibt es eine starke elektronische Szene, eine experimentelle Szene. Das hat mir geholfen, meinen eigenen Horizont zu erweitern", erzählte sie "Rock Hard". Man hört's. Und es macht richtig Spaß.

Maggot Heart – Second Class
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Maggot Heart – Second Class

Tori Amos – Better Angels

Tori ist wieder da, mit vier neuen Songs. "Better Angels" wurde für dieses Jahr geschrieben: "With ‚Better Angels‘ I wanted to acknowledge the year we have all been through and know that there is hope", postet sie auf Instagram. Und deshalb hat es seinen Platz auch hier gefunden. 

Tori Amos – Better Angels
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Tori Amos – Better Angels

Rïcïnn – Psamatäe

Laure Le Prunenec – man kennt sie wenn, dann über die Barock-Breakcore-Band Igorrr – ist Sängerin. Eine sehr einnehmende. Eine sehr fordernde. Sie legt nun das zweite Album ihres hochexperimentellen Projekts Rïcïnn vor. "Nereïd" ist wie der Vorgänger "Lïan" kaum zu fassen, doch seine Schönheit, oder die Ahnung seiner Schönheit, legt sich einfach so in die Arme jener, die zuhören. Man muss sich nicht auf den Weg machen, man muss die Schönheit nicht erst suchen, auch nicht fangen, sie kommt ganz von selbst.

Rïcïnn – Psamatäe
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Rïcïnn – Psamatäe

Emma Ruth Rundle & Thou – The Valley

Emma Ruth Rundle begleitet uns nun wieder nach Hause. Durchs Tal. Wenngleich es meist finster ist: Ich höre so gerne zu. Nicht nur wegen des großartigen Songwritings, nicht nur wegen der Spannung, die in dieser Verbindung von dreckigem, beinahe schwarz anmutendem Metal mit dieser doch dafür viel zu feinen Stimme liegt. Emma Ruth Rundle hat wohl das schönste Set-up für Stimme und Gitarre gefunden. Ihr Reverb und Delay erschaffen eine Extradimension. "I don't like dry guitar sounds", sagte sie Michael Astley-Brown für musicradar.com. Wer hören möchte, wie das live klingt, möge sich Emma Ruth Rundles "Full Session" von Highway Holidays TV anhören.
Für das neue Album "May Our Chambers Be Full" hat sie sich mit der Sludge-Doom-Metal-Band Thou zusammengetan. Und das funktioniert. In seiner Heftigkeit genauso wie in seinen fragilsten Momenten. Das ist die Spannung, die in dieser Verbindung von dreckigem, beinahe schwarz anmutendem Metal mit dieser doch dafür viel zu feinen Stimme liegt. Also lassen Sie sich gehen, hören Sie sich weg, wohin auch immer Sie wollen.

Emma Ruth Rundle & Thou – The Valley
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Emma Ruth Rundle & Thou – The Valley

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