Kunstuni GrazWie Künstler das Beste aus der Coronakrise machen

Wer eine Dirigentin oder ein Dirigent werden möchte, lernt das durch die Interaktion mit anderen Musikern. Was passiert, wenn Corona diese Form der Ausbildung unmöglich macht? Ein Lokalaugenschein bei einem Dirigier-Seminar in der Grazer Oper, bei dem alles anders war.

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Dirigent Roland Kluttig beim Unterricht in der Grazer Oper © KUG/Johannes Gellner
 

Die Lage ist völlig absurd. Wer Dirigent werden möchte, muss das auch in der Live-Situation erlernen, in der gemeinsamen Arbeit mit Orchestermusikern. Corona hat das unmöglich gemacht. Marc Piollet bildet an der Grazer Kunstuniversität die Dirigentinnen und Dirigenten der Zukunft aus: "Die Situation ist desolat", sagt er. Erst seit kurzem ist wieder Präsenzunterricht möglich, davor erfolgte alles über "Zoom". Das Problem: Weil durch die digitale Übertragung bei "Zoom" kleine Zeitverzögerungen entstehen, kann man nicht gemeinsam musizieren, selbst an die Arbeit mit einem Klavier ist nicht zu denken. Die bizarr anmutende Lösung: Man dirigierte alles ohne Ton. Piollet: "Es ist erstaunlich, wie viel man dabei über Technik lernt. Auch ich als Unterrichtender habe dabei neues erfahren." Doch, so der Professor: "Technik kann man so lernen, aber die Kommunikation, die Interaktion, das geht nicht."

Marc Piollet ist seit vielen Jahren mit dem Chefdirigenten der Grazer Philharmoniker Roland Kluttig gut bekannt - seit man sich Ende der Achtziger bei einem Seminar von Sir John Eliot Gardiner in Stuttgart kennenlernte. Und die beiden heckten eine Idee aus: Wie wäre es, wenn die Studierenden jetzt die Chance bekämen, ein hochprofessionelles Orchester wie die Philharmoniker zu dirigieren? Eine Idee, die in Hochgeschwindigkeit umgesetzt worden ist. Innerhalb von zehn Tagen stand das Programm. Piollet: "Wir haben das mit heißen Nadeln gestrickt." Man wählte die Musik und die Studierenden aus und nutzte ein Zeitfenster des Orchesters, das gerade mit Aufnahmesitzungen beschäftigt ist. Ende der Woche war es soweit. Kluttig unterrichtete sechs Hochbegabte aus der KUG-Dirigierklasse, die im Anschluss am Pult der Philharmoniker in der Grazer Oper stehen durften: mit Musik von Beethoven, Brahms und Tschaikowsky. Roland Kluttig: "Die Studierenden haben ein Jahr nicht vor einem Orchester gestanden, dabei ist das Anschauen, das miteinander Musizieren das Allerwichtigste." Etwas, was auch schnell während des Unterrichts klar wird. Kluttig zum Orchester: "Spielen Sie so, wie dirigiert wird!"

Kluttig ans Orchester: "Spielen Sie so, wie dirigiert wird!" Foto © KUG/Johannes Gellner

Das ganze Projekt hat etwas Dialektisches: Erst der von Corona leergeräumte Kalender der Philharmoniker hat den Kurs ermöglicht. Das Orchester hat normalerweise einen viel zu prallen Kalender, um solche Projekte durchzuziehen. Piollet: "Das Ganze ist ein unglaublicher Luxus, das gibt uns Kraft und Hilfe in dieser Zeit." Beide Dirigenten hoffen, hier einen Beginn für eine langfristige Kooperation gesetzt zu haben, welche Formen diese dann auch immer annehmen wird.
Marc Piollet (links) und Roland Kluttig im Gespräch mit dem Autor Foto © KUG/Johannes Gellner

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