Wie geht es Ihnen?
ALICE HARNONCOURT: Man muss mit dem Schmerz leben und fertig werden. Das ist man der Familie und sich schuldig. Der Tod unseres Enkels im Herbst hat mich zurückgeworfen. Er war 31. Bei meinem Mann konnte ich mir sagen, er hat ein erfülltes Leben gelebt, aber dieser Trost fällt beim Enkel weg. Er ist unschuldig verunglückt wie damals unser Sohn. Der Tod im November war ein Tiefschlag für alle.

Was gibt Trost?
Im Sommer der Garten. Als mein Mann starb, habe ich mir gedacht, soll ich überhaupt noch einen Garten anlegen? Dann habe ich halt an irgendeiner Ecke angefangen und immer weiter gemacht. Der Garten hilft über vieles hinweg.

Ist es das Wechselspiel aus Werden und Vergehen?
Vergehen und Werden. Das hat etwas Tröstliches. Ich probiere halt immer was aus und wenn was kommt, freue ich mich. Auch die Familie gibt Kraft. Sie ist essenziell. Sie ist alles.

Was leistet sie?
Sie trägt.

Wenn man aus dem Kaminzimmer blickt, tut sich eine wunderbare Winterlandschaft auf. Hilft die Idylle?
Erschwerend ist der Attersee-Nebel um diese Zeit. Der ist düster und drückt. Ich bin sonnensüchtig, aber ich würde nie in den Süden flüchten wollen.

Sie waren 63 Jahre verheiratet: eine Ehe als künstlerische Symbiose. Wie war das für Sie?
Wir haben wie Berserker zusammengearbeitet, von Anfang an. Wir haben uns im Studium kennengelernt, und als ich 22 war, haben wir geheiratet. In jungen Jahren fällt es leichter, sich an jemanden zu gewöhnen. Man ist verschieden, und es gibt Dinge, wo man sich aneinander reibt. Das ist natürlich.

Wo war es schwierig?
Nur im Ringen um die Musik. Er hatte eine so starke Vorstellung vom Leben und von der Musik und wie das Leben sein müsse und wie die Musik.

Sie ordneten sich ihm unter. War das ein Wollen?
Ich habe studiert und wollte Geigensolistin werden. Ich war sehr gut. Das heißt, ich habe eine musikalische Meinung gehabt. Und mein Mann hatte eine viel stärkere Meinung, ich wollte nicht immer zustimmen. Das war nicht einfach, wenn Sie mit jemandem verheiratet sind, der im Grunde immer recht hat. Das zuzugeben, ist nicht leicht gefallen. Manchmal denkt man: Gibt's doch nicht! Und dann entzündet sich eine Diskussion. Wir haben viel diskutiert, nicht nur zu zweit, das war auch in seiner Familie so. Auch er und seine Brüder haben mit dem Vater leidenschaftlich debattiert, wenn sie bei Tisch saßen. Das haben sie geliebt, hier hat mein Mann seine Schlagfertigkeit geschult.

Wie schwierig war es für Sie, in eine so dominante, starke Familie hineinzuheiraten?
Gar nicht. Ich war jung und wehrhaft. Es war kein Problem. Es war eine wunderbare, große Familie.

Was war zu Beginn Ihr Dissens in Bezug auf die Musik?
Wir hatten völlig unterschiedliche Auffassungen.

Seine Eigenart war diese zupackende Radikalität im Verständnis von Musik. Ein Verständnis, das sich von romantischer Tradition kompromisslos freimachte. War Ihnen das fremd?
Zu Beginn völlig fremd. Mein Berufsziel war ganz ein anderes. Die Hinwendung zu den alten Instrumenten war gänzlich unbekannt. Wir waren in Österreich Pioniere. Ich bin dabei, die alten Konzertprogramme zu archivieren. Es ist unglaublich, was wir damals in den 50ern alles gewagt haben. Es hat keine gedruckten Noten dieser Musik gegeben. Wir sind in die Museen gefahren, nach Paris oder Bologna, und haben dort die Noten mühsam übertragen.

Händisch abgeschrieben?
Ja, das Fotokopieren hat es damals nicht gegeben. Später hat man Mikrofilme bekommen. Diese Filme hat mein Mann in einen Vergrößerungsapparat eingespannt. So haben wir Seite für Seite gleichsam heruntergeworfen und dann abgeschrieben. Xerox oder so, das alles gab es nicht.

Gibt es die alten Noten noch?
Natürlich, sie sind nur schwer zu lesen, weil wir beim Papier gespart haben. Wir haben so eng geschrieben wie nur möglich. Es dauerte ewig, bis man das Repertoire beisammen hatte und die ganzen Kenntnisse über die alten Instrumente. Damit sind wir dann zu den Instrumentenbauern aufgebrochen.

Uns interessiert Ihr Kampfprozess. Bei den „Vier Jahreszeiten“ von Vivaldi hatten Sie die revolutionären Abläufe schon in sich aufgenommen. Das war ganz im neuen Stil, was ist da passiert mit Ihnen?
Ich habe mich schon in den Studienjahren darauf eingelassen. Es hat mich überzeugt, was er gesagt hat. Ich habe eine Barockgeige mit Darmsaiten bekommen - ohne zu wissen, wie man darauf spielt und wie sie klingt. Dann haben wir einen alten, historischen Bogen gefunden, einen echten. Da habe ich mich erst recht umstellen müssen. Ein Barockbogen ist etwas ganz anderes als ein moderner Bogen.

Waren Sie bei einem Lehrer?
Es gab niemanden dafür.

Gab es nicht in Basel ein Kompetenzzentrum für Alte Musik?
Da fuhren wir nicht hin. Wir wollten etwas Eigenes schaffen. Mein Mann hat Gambe gespielt und hat Stunden bei einer alten Dame genommen, einer Gambistin. Das hat er dann abgebrochen. Er hat früh erkannt, dass höchstens er ihr etwas beibringen konnte. Sie war sehr lieb.

Wie hat die etablierte Branche reagiert, die Elite?
Viele Kollegen haben damals spöttisch gelästert. Die haben gefunden, wir sind Spinner. Die Darmsaiten klangen anders, auch die zurückgebauten Originalinstrumente waren ihnen fremd.

Weil alles kratzig klang?
Kratzig nicht. Mehr Obertöne, also herber. Eine moderne Stahlsaite klingt eher kalt, unpersönlich. Ein schöner alter Geigenton hingegen ist ungleich interessanter, er ist sehr farbig und bunt.

Sie haben in den frühen 50ern gemeinsam den Concentus Musicus gegründet. Sie spielten Geige, er Cello. Wie blendeten Sie auf der Bühne die Ehe aus?
Mein Mann war eher streng zu mir. Die Kollegen haben sich manchmal bei ihm darüber beklagt. Wir haben das zu Hause auch besprochen, und er hat mir gesagt: Wenn ich zu dir nicht streng bin, dann kann ich es zu den anderen auch nicht sein! Arbeiten bedeutet aber in der Musik permanentes Besser-werden-Wollen, das geht nicht ohne Kritik.Das halten leider nicht alle aus. Ich war also ein vorgeschobenes Opfer.

Sie waren gar nicht gemeint.
Nein. Ich habe es verstanden. Wir hatten uns ausgesprochen. Es ist auch später vorgekommen, dass er irgendetwas Mahnendes mir gegenüber sehr dezidiert gesagt hat vor anderen.

Wann gingen Sie das erste Mal mit dem Concentus im Ausland auf Tournee?
1966, zu acht sind wir nach Amerika aufgebrochen. Wir haben Musik aus der Zeitspanne zwischen 1450 und 1650 gespielt. Ein absurdes Programm für eine Tournee! Die Leute waren sehr aufgeschlossen, bis auf New York. Da hatten sie uns in einen Kammermusikzyklus hineingenommen. Die Leute haben gedacht, die kommen aus Wien und spielen jetzt Schubert, Mozart und Brahms.

Was G'scheites halt ...
Genau. Und wir erscheinen zu acht, und dann kommt ein Kollege mit seiner Portativorgel und dann die Blockflöten und auch noch so komische Instrumente, und was die alles machen! Die Leute haben der Reihe nach den Saal verlassen. Nach der Pause waren dann nur noch die Enthusiasten da, die aber waren begeistert.

Wann ist in Wien das Eis gebrochen?
Es war ein langsames Tauen. Wir haben die ersten vier Jahre überhaupt keine Konzerte gegeben und nur experimentiert. Das waren alles Hauskonzerte. Dann kam das Palais Schwarzenberg. Die Konzerte haben wir selbst veranstaltet. Wir haben die Sessel gemietet, Plakate drucken lassen und weil nichts übrig blieb, haben wir ohne Honorar gespielt. Später kam dann der Peter Weiser vom Konzerthaus und hat euphorisch gesagt: „Wenn ihr weiterkommen wollt, kommt zu mir in den Mozartsaal!“

Haben Sie als Oppositionelle auch in den heiligen Hallen mit den Erwartungen gebrochen?
Wir haben nicht den normalen Kammerton 440 gespielt, sondern nach einer Stimmgabel von Bach 421 gespielt, fast einen Halbton tiefer. Und auch das nicht gleichmäßig temperiert, sondern in einer alten Stimmung. Ist nicht ganz einfach zu hören. Die Kritiker und das Publikum haben es anfangs nicht verstanden.

Vermutlich glaubten sie, die Instrumente sind verstimmt.
Eher dachten sie, wir spielen unrein. Wir haben überhaupt nicht unrein gespielt.

Sie waren Besessene.
Ja, waren wir. Es muss Besessenheit da sein, wenn man gut werden will, anders geht es nicht. Wenn man vierzehn Tage keine Geige spielt, haben Sie schon Probleme. Wenn Sie einen Monat nicht spielen, haben Sie das Gefühl, alles ist weg. Da ist so viel Feinmotorik drin. Unser Leben war total musikbezogen. Wir sind nie ausgegangen, auch nicht, als wir jung waren. Höchstens ein, zwei Mal in Wien in der Ballsaison: weil er mich nicht verlieren wollte, aus purer Nettigkeit! Sonst haben wir nur gearbeitet.

Und nebenbei vier Kinder großgezogen.
Wir haben bei null angefangen, wir haben nichts gehabt. Wir hatten in der Josefstadt eine Wohnung gemietet. Da konnte ich die Babys, während wir probten, auf die Terrasse stellen, und musste nicht mit ihnen im Park spazieren gehen. Später waren sie in ihren Kinderzimmern und wussten, wenn die Eltern Probe haben, dürfen sie nicht stören. Wir haben fast jeden Tag geprobt. Das war eine immense Anstrengung für alle, weil mein Mann damals schon bei den Wiener Symphonikern spielte. Wir brauchten ja ein Einkommen. Erst als er engagiert war, haben wir gewusst, im Sommer können wir heiraten. Wir waren altmodisch. Wir haben unermüdlich geprobt und diskutiert. Einer meiner Söhne sagt immer, ihr seid Rekordhalter im Zusammensein gewesen. Wir waren immer zusammen, ich habe die Kinder zu Hause geboren. Nicht einmal dafür war ich weg.

Haben Sie es bereut, keine eigene Karriere als Solistin gemacht zu haben?
Nein, nie. Ich wäre ohnehin nicht so gut geworden. Ich war nicht schlecht, aber es ist auch kein wahnsinnig erstrebenswertes Ziel, wenn man nicht der Allererste und Allerbeste ist.

Dass Sie ihm folgten und nicht er Ihnen: Verlief diese frühe Unterordnung schleichend?
Nein, diese Entscheidung war keine schrittweise, sie war ganz. Als Äquivalent hatte ich die Hoheit über das praktische Leben. Das begann bei der Brieftasche und endete beim Telefon, das er so gut wie nie anrührte.

Hatte er kein Handy?
Nein. Er hat nur eines von mir eingesteckt bekommen, wenn er spazieren ging. Nur zur Sicherheit.

Mied er die Menschen?
Nein, er hat sich und sein Denken gerne erklärt, aber er bestand darauf, jemandem im Gespräch auch ins Gesicht schauen zu können. Hie und da ist er widerwillig dann doch zum Telefon gegangen, wenn ich im Garten war. Die Leute waren entsetzt, weil er so einsilbig und kurz angebunden war. Sie haben dann zu ihm gesagt: „Na, ist Ihre Frau nicht da?“ Die haben nicht gern mit ihm gesprochen.

Hat er Briefe geschrieben?
Ja schon, aber keine Mails. Wir haben kein Internet, noch immer nicht. Ich lehne es ab, ich brauche es nicht. Ich hab die Post und das Telefon, das reicht.

Greifen Sie noch zur Geige?
Jetzt wieder, aber nur zu Hause, nicht mehr öffentlich. Ich habe in den vergangenen Jahren meine Kollegen im Concentus immer wieder gefragt, ob sie das noch aushalten, wenn eine ältere Geigerin da sitzt. Sie haben immer gesagt, ja unbedingt, und es war ihnen, glaube ich, auch wichtig. Wenn ich gespürt hätte, ich bin nicht mehr gut, hätte ich sofort aufgehört. Und mein Mann hätte es mir auch gesagt.

Wann fiel der Entschluss, nicht mehr aufzutreten?
Es hat sich ergeben, es war kein Entschluss. Es ist mir aus der Hand genommen worden, durch die Umstände.

Hören Sie gemeinsame alte Aufnahmen?
Wir haben vorgehabt, in der Pension unsere alten Plattenaufnahmen gemeinsam anzuhören. Das haben wir nicht gemacht. Ich habe im Moment keine Zeit. Es ist gut, dass ich mich beschäftige und Ordnung im Archiv mache, damit man nicht Ungeordnetes hinterlässt. Und dann will ich den „Don Quichote“ lesen, den mein Mann so wahnsinnig gern gehabt hat. Aber ich komme nicht voran.

Wie wichtig waren Ihnen Starruhm und Geld?
Beides waren keine Triebfedern. Ich war für das Geld zuständig. Das fand ich toll von ihm, er hat sich nur erkundigt, ob wir im Minus sind oder ob sich etwas noch ausgeht. Er hat mir blind vertraut, ich hätte alles tun können. Er hätte sich nicht einmal ein Weckerl kaufen können. Wenn er einmal alleine zur Probe ging, musste ich ihm Geld einstecken, damit er mit dem Taxi heimkam. Er hatte nie ein Geldbörserl, das hat ihn nicht interessiert.

Das Verzicht-üben-Müssen, etwa bei der Kleidung, ist bis ins Alter geblieben. Wir erinnern uns an die obsessive Beziehung zur beigen Schnürlsamthose.
Es sah so aus, als habe er nur die eine. In Wahrheit waren es zehn, immer die gleiche Farbe. Eine Zeit lang hatte er karierte Hemden getragen, bis ich zu ihm gesagt habe, wenn er mit großen Orchestern probte: „Du, das ist eine ästhetische Verfehlung.“ Erst dann stieg er auf normale Hemden um.

Vor einem Jahr teilte er dem schockierten Publikum durch eine handschriftliche Notiz, eingelegt ins Programmheft, mit, dass seine Kräfte ein Weitermachen nicht mehr zulassen. Wie schwer fiel ihm der Abschied?
Er hat hart mit sich gerungen. Dass er den Beethoven-Zyklus nicht mehr vollenden konnte, hat ihn bis zuletzt geschmerzt.

Wie erlebten Sie die Monate vor seinem Tod?
Ich habe ihn hier im Haus gepflegt, in den letzten Wochen sind dann die Enkel gekommen. Da haben wir uns dann abgelöst. Er wollte auf keinen Fall noch einmal in ein Spital. Wir haben darüber nie geredet, aber ich habe gewusst, dass er zu Hause sterben möchte. Solange es möglich war, sind wir hier im Garten spazieren gewesen und haben geredet. Er hat dann Krücken gehabt, das Gehen fiel ihm schwer. Für die Treppe im Haus haben wir einen Stiegenlift eingebaut.

Hat er ihn angenommen?
Den ja, aber den Rollstuhl nicht.

Weil er den Verlust an Souveränität und Selbstkontrolle nicht ertrug?
Ich vermute, es war so.

Welche Bilder entstehen, wenn Sie sich erinnern?
Bilder der gemeinsamen Bergwanderungen. Er hat alle in seinen Jahresalben festgehalten.

Wer ging voraus?
Er.

Wie weit voraus?
Nicht weit, ganz nah voraus.