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Herbie Hancock„Ich war geschockt über diesen Vertrauensbeweis“

Herbie Hancock spielt heute (12. November) in Wien. Der 79-jährige Jazzpianist und Keyboarder über seiner erste Begegnung als junger Musiker mit dem „Blue Note“-Label, das Chanten auf Tour, den Herbie-Hancock-Algorithmus und weshalb auf seinem nächsten Album auch gerappt wird.

Herbie Hancock spielt mit seinem aktuellen Quartett in der Wiener Stadthalle © Abu Dhabi Jazzfestival/KK
 

Mister Hancock, welche Erinnerungen haben Sie an Francis Wolff und Alfred Lion, zwei Deutsche, die vor dem Nationalsozialismus ins amerikanische Exil flohen und in New York vor 80 Jahren das legendäre Blue-Note-Label gründeten?

HERBIE HANCOCK: Als ich das erste Mal in ihrem Büro verbeischaute, um Alfred drei meiner eigenen Songs für mein Blue-Note-Debüt zu präsentieren, wollte er auf einmal drei weitere! Ich war überrascht, weil ich dachte, dass ich für den Rest des Albums ein paar Standards spielen würden. Aber auf einmal sollte ich für „Takin‘ Off“ ausschließlich eigene Nummern aufnehmen. Weil ihnen die ersten drei so gut gefallen haben.

Wie haben Sie reagiert?

HERBIE HANCOCK: Ich war geschockt über diesen Vertrauensbeweis – Blue Note war damals ja schon berühmt, weil Alfred und Francis Größen wie Thelonious Monk, Miles Davis und Art Blakey aufgenommen hatten. Und weil sie eine Zeit lang fast alle jungen Talente entdeckten. Für einen jungen Jazzer wie mich gab es nichts Größeres, als für Blue Note aufzunehmen. Und einer dieser drei Songs, die ich ihnen zuerst präsentierte, war natürlich Watermelon Man. Sie haben erkannt, dass das ein Hit – mein erster und bis heute einer meiner größten - werden könnte. Und deswegen wollten sie gleich mehr Hancock-Originals.

Seit Anfang der 70-er Jahre sind Sie praktizierender Buddhist. Wenn Sie auf Tour sind, chanten Sie für sich allein oder besuchen Sie buddhistische Zentren?

HERBIE HANCOCK: Am Morgen meistens allein. Aber wenn es sich ergibt, chante ich sehr gern zusammen mit anderen. Weltweit gibt es rund 12 Millionen Menschen, die denselben Buddhismus praktizieren wie ich. Deshalb findet man in den meisten Städten eine buddhistische Gemeinschaft, der man sich anschließen kann.

Macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie allein oder mit anderen chanten?

HERBIE HANCOCK: Als ich damit anfing, war das noch so. Aber über die Jahre wurde die Wirkung für mich immer ähnlicher. Es ist natürlich immer wieder eine großartige Erfahrung, in einer Gruppe zu chanten. Das ist ein schönes und wichtiges Feeling. Aber noch wichtiger ist, welche Wirkung es auf mein Leben hat. Dass es eine Wirkung hat. Und dafür muss man wirklich jeden Tag chanten. Also auch alleine. Nur so wird das Chanten zu einer täglichen Praxis –zu einer Art Lebensmittel für das eigene Wohlbefinden. So wie man jeden Tag gut essen sollte, sollte man jeden Tag chanten.

Welche Wirkung hat es?

HERBIE HANCOCK: Es kann dein ganzes Leben positiv beeinflussen - wie man Entscheidungen trifft, wie man auf die Dinge blickt, auf das Leben und die anderen Menschen. Was man sagt und wie man es sagt. Und ob man mutig ist im Leben und Mitgefühl für andere Menschen aufbringt.

Neben dem Buddhismus haben Sie sich schon immer für Technologie interessiert. Sie waren einer der ersten, die schon früh – ähnlich wie Stevie Wonder – Synthesizer gespielt und verstanden haben, dass die Digitalisierung auch die Musik revolutionieren wird. Mit welcher Technologie beschäftigen Sie sich momentan?

HERBIE HANCOCK: Mehr als Technologie treibt mich derzeit eigentlich der Klimawandel um. Da müssen wir unbedingt besser werden, viel besser, in dem was wir tun, dass er nicht noch größer ausfällt. Wenn wir das nicht hinbekommen steht uns ein Desaster bevor, das wir uns heute noch gar noch vorstellen können. Davon bin ich überzeugt. Aber Technik interessiert mich natürlich immer noch.

Was genau?

HERBIE HANCOCK: 360-Grad-Surround Sound finde ich sehr spannend. In manchen Kinos gibt es das ja schon. Und dann interessiert mich alles, was mit künstlicher Intelligenz und Augmented Reality zu tun hat, vor allem bei den Computerspielen, die da am weitesten sind. Da habe ich mir ein paar schöne Sachen gekauft, Technik, die eigentlich aus der Games-Technologie kommt.

Wie wird sich Musik Ihrer Ansicht nach durch KI verändern?

HERBIE HANCOCK: Die Entwicklung hat ja schon begonnen. Es gibt Computer-Programme, die Songs komponieren oder zumindest die Grundlagen davon. Und es gibt Sänger oder Songwriter, die das schon einsetzen.

Und wie klingt das in den Ohren von Herbie Hancock?

HERBIE HANCOCK: Besser, als ich dachte. Ich würde natürlich nicht sagen, dass es das Tollste ist, was ich je gehört habe. Aber für einen durchschnittlichen Pop-Song ist es okay.

Wird es eines Tages auch KI geben, die Jazz spielt und improvisiert?

HERBIE HANCOCK: Da bin ich mir ziemlich sicher. Ich arbeite übrigens mit Wissenschaftlern zusammen, die ein Computerprogramm entwickeln, das meine Art zu spielen und zu komponieren analysiert.

So eine Art Herbie-Hancock-Algorithmus?

HERBIE HANCOCK: Genau.

Und wie sehr klingt das nach Ihnen?

HERBIE HANCOCK: Er ist ja noch nicht fertig. Bis jetzt analysiert er nur meine Musik. Sie haben das Programm dafür mit ein paar meiner Kompositionen und Aufnahmen gefüttert. Es lernt noch und vergleicht meine Musik mit der von anderen. Musik selber erzeugen kann es noch nicht.

Sie arbeiten seit einiger Zeit schon an einem neuen Album, das Terrace Martin produziert, der mit Kendrick Lamar und anderen aus dem Hip Hop zusammen gearbeitet hat. Wie wird das neue Album klingen?

HERBIE HANCOCK: Für mich ist das so etwas wie der nächste Schritt nach „Rockit“, meinem Hit von 1983, als ich mich zum ersten Mal mit Hip Hop beschäftigt habe. Das hat damals vielen die Ohren für diese neue Musik geöffnet. Wir haben damals zwar nicht gerappt, aber das Scratching war elementar für diesen Song und seinen Erfolg. Seitdem ist viel Zeit vergangenen. Hip Hop ist riesig geworden und heute weltweit das größte Genre populärer Musik. Dieses Mal wird auf ein paar Songs meines neuen Albums auch gerappt. Das Album spiegelt wider, dass viele junge Jazzmusiker von heute mit Hip Hop aufgewachsen sind: Robert Glasper zum Beispiel. Oder Jacob Collier, der Multi-Instrumentalist aus England, der auf ein oder zwei Songs mitspielt.

Es gibt Spekulationen, dass auch Kendrick Lamar mit dabei sein wird.

HERBIE HANCOCK: Ich weiß (lacht).

Wird er dabei sein?

HERBIE HANCOCK: Sagen wir so: Bis jetzt rappt er noch nicht auf dem Album.

Wird er?

HERBIE HANCOCK: Man weiß nie (lacht wieder). Aber einen Song mit Snoop Dogg haben wir schon aufgenommen.

Wann kommt das Album raus?

HERBIE HANCOCK: Jetzt steht erst einmal die Tour an. Aber dann werden wir ein paar Tracks veröffentlichen. Zum Ende des Jahres hoffe ich. Oder spätestens Anfang 2020. Aber es gibt kein wirklich festes Datum für den Release. Wir denken auch nicht so sehr in den Kategorien eines Albums. Es handelt sich eher um ein Projekt und um ein Thema. Die Musik erscheint auf meinem eigenen Label, also kann ich sie herausbringen, wann immer ich will. Es gibt niemandem, der hinter mir steht und Druck macht.

 

Information

KK
© KK
Herbie Hancock, geboren am 12. 4. 1940 in Chicago. Jazzpianist, Komponist, mehrfacher Grammy- und Oscar-Preisträger. Bandmitglied u. a. im Miles Davis Quintet, legendäre Duos mit Chick Corea. Setzte mit Jazzklassikern ebenso Meilensteine wie mit Experimenten in der Fusion- und Funk-Ära. herbiehancock.com

CD-Tipp: The Imagine Project. Herbie Hancocks letztes Album mit Musik von Lennons „Imagine“ bis Dylans „The Times They Are A-Changin’“ und Gastkünstlern wie Pink und Seal gewann 2010 zwei Grammys.

Auf Tournee: Herbie Hancock mit seinem Quartett: James Genus (Bass), Lionel Loueke (Guitar & vocals), Justin Tyson (Drums): Dienstag, 12. November, 20 Uhr, Wiener Stadthalle. Karten: Tel. (01) 96 0 96, oeticket.com

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