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Oper GrazTriumph der „Kakophonie“

Morgen (10. November) lockt die Oper Graz zur „Salome“ von Richard Strauss. Der Komponist selbst dirigierte dort 1906 die österreichische Erstaufführung. Vor illustren Gästen. Und einem gewissen Adolf H.

Der Komponist als Dirigent: Richard Strauss stand 1906 bei der österreichischen Erstaufführung seiner "Salome" selbst am Pult © KK
 

Ich freue mich schon riesig darauf, genau dort zu stehen, wo Richard Strauss damals stand“, sagte die Grazer Chefdirigentin Oksana Lyniv, die mit der Musik des deutschen Spätromantikers aus ihrer Münchner Zeit sehr vertraut ist, im Vorfeld der „Salome“-Premiere.

„Damals“, das war exakt am 16. Mai 1906. Der 41-jährige Komponist leitete sein Musikdrama in einem Aufzug nämlich selbst. Und mit durchschlagendem Erfolg. „Der Beifallssturm am Schlusse war ein geradezu enthusiastischer und Strauss mußte immer wieder erscheinen“, schrieb „Die Neue Freie Presse“. Und Alma Mahler, die mit Strauss und ihrem Mann Gustav noch am Aufführungstag per Auto eine Landpartie in die „Steirer Berge“ genossen hatte, erinnerte sich: „Es war Jubel über Jubel gewesen“.

Graz, Musikweltstadt für einen Tag: Die Mahlers waren extra angereist, detto Alban Berg, Arnold Schönberg mit Schwager Alexander von Zemlinsky und sechs Schülern. Oder Giacomo Puccini, der eine „furchtbar kakophonische Sache“ erwartete. Sie alle hatten sich im „Elefant“ am Südtiroler Platz einquartiert und diskutierten im ersten Hotel der Stadt noch bis in die Nacht hinein hitzköpfig über dieses außergewöhnliche Theaterereignis.

Denn das war es in der Tat, allerdings wider Erwarten. Und nicht nur, weil die Grazer Orchestermusiker bei den Proben über die Kühnheiten in der Partitur geätzt haben sollen: „Kein Geiger find’t die Strichart raus / beim neu’sten Werk von Richard Strauss“. Die „Salome“ war, wie das Schauspiel von Oscar Wilde aus 1893, die der Komponist selbst zum Libretto umschrieb, von Anfang an skandalumweht.

Die monströse, sexuell aufgeladene Bibelgeschichte auf die Bühne zu bringen, hatte es aber auch in sich: Salome verspricht ihrem Stiefvater, dem notgeilen König Herodes, einen erotischen Tanz der sieben Schleier, wenn sie dafür von ihm den Kopf von Johannes dem Täufer erhält – jenem Gefangenen, der ihr Liebesbegehren brüsk zurückgewiesen hat.

Zwar hatte die blutrünstige Oper im Dezember 1905 in Dresden ihre Uraufführung erlebt, übrigens mit dem aus Graz stammenden Ernst von Schuch am Pult. Aber an der Wiener Hofoper, wo Direktor Gustav Mahler sie unbedingt präsentieren wollte, war der Knüppel der Sittenpolizei – wie bald darauf auch an der Met in New York – schnell aus dem Sack. Also blieb dem weit liberaleren Graz die Ehre der österreichischen Erstaufführung, wie sogar Thomas Mann 1947 in seinem Künstlerroman „Doktor Faustus“ vermerkte.

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Richard Strauss und Gustav Mahler 1906 vor der Grazer Oper © KK

Die „Salome“ und ihre elektrisierende Premiere in Graz war für Alex Ross „wie ein Blitzschlag, der das Licht auf die musikalische Welt an der Schwelle traumatischer Veränderungen warf“. In seinem imposanten Essay „The Rest is Noise: Das 20. Jahrhundert hören“ (2007) würdigt er Strauss als meisterhaft darin, radikal Neues und doch Massentaugliches zu liefern.

Der New Yorker Musikwissenschaftler bestätigt übrigens wie seine Grazer Kollegen Andrea Zedler und Michael Walter in dem von ihnen edierten Band „Richard Strauss’ Grazer ,Salome’“ (2014), was lang bloß als Gerücht galt: Nämlich, dass der damals erst 17-jährige Adolf Hitler im Publikum applaudierte: Strauss selbst erwähnte 1939 in einem Brief, dass Hitler seinem Sohn Franz Strauss in Bayreuth erzählt habe, dass „Salome eines seiner ersten Opernerlebnisse gewesen sei und daß er sich das Geld, um zur ersten Aufführung nach Graz zu reisen, von seinen Verwandten erbeten habe“.

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Die 1899 eröffnete Grazer Oper auf einer Postkarte aus der Jahrhundertwende © KK

Plakat zur „Salome“, die 1906 ihre österreichische Erstaufführung in Graz erlebte Foto © KK

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BUCHTIPP Die von den Grazer Musikwissenschaftlern edierten Beiträge beleuchten den theater- und sozialgeschichtlichen Kontext des singulären Opernereignisses. Andrea Zedler, Michael Walter (Hg.). Richard Strauss’ Grazer „Salome“. LIT Verlag (2015), 288 Seiten, 24,90 Euro. © KK

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