Das ist Ihr zweiter Film mit Tim Roth nach „Chronic“ 2015. Wie würden Sie Ihre Beziehung beschreiben?
MICHEL FRANCO: Mittlerweile ist es leicht zu sagen, dass wir Freunde sind. Vor neun Jahren war das anders. Ich liebe ihn, er hat meine Filmkarriere verändert. Aber deshalb haben wir jetzt auch mehr Diskussionen. Wenn man sich näher ist, werden die Wortwechsel länger.

Welche Fragen und Debatten hatten Sie beide bei „Sundown“?
Es war schwierig, weil ich den Film auf eine gewisse Art designt habe: Wir sollten uns verlieren in Acapulco und beim Dreh. Das ist herausfordernd und interessant. „Chronic“ war das Gegenteil. Diesmal habe ich etwa Charlotte (Gainsbourg) erst direkt in Acapulco das erste Mal getroffen. Es war ein Wagnis, wir haben einiges riskiert.

Was war Ihre erste Idee für das Drehbuch?
Eigentlich etwas Filmisches. Was, wenn in den ersten zehn Minuten nichts passiert, alles etwas langweilig ist. Und dann entscheidet er sich, nicht zum Begräbnis seiner Mutter zu fliegen. Doch dann beginnt die Geschichte erst und das muss man dann als Drehbuchautor erst einmal finden. Es ist ein respektvolles Spiel mit den Zuschauern, bei dem ich nie lüge.

Was ist der Unterschied zu Ihrem vorigen Film „New Order“, der ebenfalls beim Festival in Venedig gezeigt wurde?
Jeder Film ist anders. Filme sollte man nicht gleich angehen, das ist ein Fehler, den Produzenten oft machen. „Sundown“ habe ich schon vorher in einer persönlichen Krise geschrieben. Aber es hatte auch damit zu tun, dass ich dachte, ich würde „New Order“ nie auf die Beine stellen können. Dabei konnte ich nichts riskieren, mit 3000 Statisten und wenig Geld. Da ist alles geplant und geprobt. Aber am Ende habe ich es gemacht, mit viel zu wenig Budget, und ich bin stolz.

Haben Sie den Film gemacht, um dem Schicksal der Hauptfigur zu entkommen?
Vielleicht! Ich war damals das erste Mal in so einem Zustand. Und ich dachte mir, ich sollte es für einen Film verwenden, etwas aus dieser Krise machen. Ich weiß nicht, wie viel von mir in der Figur ist. Es war jedenfalls das Drehbuch, das ich am schnellsten geschrieben habe. Ich war in einem seltsamen Zustand und das kam dabei heraus.

Brauchten Sie selbst auch Urlaub wie in diesem trügerischen Urlaubsfilm?
Nein, nein! Die Leute sagen mir immer, ich solle einmal ausspannen. Aber wozu? Ich muss arbeiten, meinen Lebensunterhalt verdienen als Independent-Filmemacher. Als mein eigener Produzent bezahle ich mich selbst nicht fürs Drehbuchschreiben. Es ist eine sehr schizophrene Beziehung. Aber ich habe eigentlich kein Privatleben. Es ist ein wenig traurig, wenn mich Leute fragen, wie es mir geht und ich nur über meine Filmprojekte rede. Es ist wie in diesem Bukowski-Zitat „Find what you love and let it kill you.“ („Finde, was Du liebst, und lass es Dich umbringen“)

Sie sind Drehbuchautor, Regisseur und Produzent? Welchen Aspekt mögen Sie am liebsten?
Schauspieler, aber niemand engagiert mich! Nein, im Ernst, ich trenne das gar nicht mehr. Bei meinem ersten Film hatte ich einen Produzenten und es war eine furchtbare Erfahrung. Es ist eine Fantasie, dass ein Produzent alle meine Probleme löst, so wie ich es will, das gibt es nicht. Du musst es selbst machen. Wenn du nicht bereit bist, da durchzugehen, mach keinen Film. Ich lerne immer mehr, alle Aspekte zu genießen, auch das Schreiben, wenn es klappt.

Der Film spielt in Acapulco, wo Sie auch Ihre Kindheit verbrachten? Was hat sich verändert?
Ja, die Familienalben sind voll von Fotos aus Acapulco bis in meine Zwanziger hinein. Damals war es der sicherste Platz überhaupt, ein Paradies. Und jetzt ist es alles andere als das.

Mexiko ist ein sehr gewaltvolles Land. Wie beeinflusst das Ihre Filme?
Es beeinflusst alles, was wir tun, ob wir es merken oder eingestehen oder nicht. Jede einzelne Person, die ich kenne, ist schon einmal mit einer Waffe bedroht worden.

Warum muss diese Geschichte dort spielen?
Ich habe mich das auch gefragt, was wäre, wenn die Hauptfigur in Mexico City mit seinen 24 Millionen herumläuft. Tim Roth hat gemeint, ich solle dieser Frage nachgehen. Ich kann es nicht erklären, aber es wäre ein anderer Film.

Wer ist dieser Neil, den Tim Roth spielt?
Er hat nichts gemacht in seinem Leben. Aber er ist immerhin fähig, sich zu verlieben. Das ist gut, denke ich.