Nach feierlicher Musik für den roten Teppich klang das nicht gerade. Finster war der Sound vielmehr, der bei der Premiere von David Cronenbergs Wettbewerbsfilm "Crimes of the Future" am Festival-Palais dräute. Mehr wie ein unheimliches Synthesizer-Grollen, das einen reizvollen Kontrast zum Glamour-Getöse um die Premierengäste Viggo Mortensen, Léa Seydoux und Kristen Stewart lieferte. Im Film selbst allerdings ist die Musik von Howard Shore die überaus passende Untermalung, entwirft der kanadische Regisseur doch einen dystopisch-philosophischen Trip in einem industriell-futuristischen Ödland. Dabei markiert "Crimes of the Future" nicht nur Cronenbergs Rückkehr aus dem Regie-Ruhestand, sondern auch zu dem sehr fleischigen, organischen Body-Horror, mit dem man sein Werk so eng verbindet und aus Klassikern wie "Die Fliege" noch in schauriger Erinnerung hat.

In seinem bizarren Trip geht es dabei um Evolution und Wachstum neuer Organe, um Kunst, Chirurgie und menschlich-körperliche Anpassung an den technischen Fortschritt. Während der Film eher atmosphärisch dahintreibt, breitet Cronenberg seine Gedanken dazu mit vielen Deutungsfreiräumen aus. Das ist bisweilen unappetitlich, aber längst nicht so grenzüberschreitend, wie zu erwarten war, und nicht so aufwühlend provokant wie viele frühere Werke wie "Crash", die das Publikum scharenweise aus dem Kino trieben.

Let's Dance

Direkt im Anschluss war die Stimmung auf dem roten Teppich deutlich ausgelassener. David Bowie forderte zum Tanz auf und Regisseur Brett Morgen zögerte nicht lange, ihm zu folgen. Während aus den Lautsprechern der 80er-Hit "Let’s Dance" schallte, legte der Regisseur eine Solo-Show hin: Er sprang herum, warf sich auf den Boden und tänzelte ausgelassen hin und her und vor den amüsierten Fotografen herum. Grund für euphorische Laune hatte er allemal, feierte doch sein Bowie-Film "Moonage Daydream" Mitternachtspremiere auf dem Festival in Cannes.

Die gängige Musiker-Biografie, die in Chronologie das Leben des vielseitigen Künstlers und größten Außerirdischen der Rock-Geschichte wie ein Wikipedia-Eintrag nachzeichnet, will dieses Werk nicht sein. Sicherlich werden die Karrierewandlungen von Album zu Album erkennbar und auch die wichtigsten Stationen in Bowies Leben fließen mit ein – von der Ziggy-Stardust-Euphorie über die experimentelle Berlin-Zeit bis zur kommerziellen "Let’s Dance"-Weltstar-Phase. Doch Morgen verfolgt einen anderen Ansatz. "Moonage Daydream" soll eine immersive Kinoerfahrung sein.

In ausufernden zweieinhalb Stunden stellt der Film nicht nur Bowie als Künstler und seinen kreativen Schaffensprozess vor. Er teilt auch viele philosophische Gedanken des 2016 gestorbenen Musikers zu unterschiedlichsten Themen, die teils so wenig greifbar sind, wie er es selbst war. Fast ausschließlich kommt dabei Bowie selbst zu Wort. Umtost von einer eindrucksvollen Montage aus Bildern und Sounds, von Interviewschnipseln und zahlreichen Songs, erlebt man sein Leben so als rastlosen Trip und fiebrig aufregenden Leinwand-Traum.

Noch ein Musiker-Porträt

Interessanterweise hatte Joel Coen bei seinem Solo-Projekt „Jerry Lee Lewis: Trouble in Mind“ einen ganz ähnlichen Ansatz für sein Musiker-Porträt. Nachdem sein Bruder Joel kürzlich den Regie-Alleingang „Macbeth“ realisierte, widmet sich die zweite Hälfte der einst unzertrennlichen Brüder („No Country for Old Men“) auf Solopfaden dem frühen Rock’n’Roller Jerry Lee Lewis und lässt ihn ebenfalls für sich selbst sprechen. Ohne Chronologie fügt Coen Interviewfetzen aus unterschiedlichen Jahrzehnten und Karrierephasen zum oft amüsanten Porträt mit vielen interessanten Momenten zusammen: Episoden wie die Heirat mit der damals 13-jährigen Cousine kommen da zu Wort oder die Einflüsse durch schwarze Musiker und den Blues während seiner Südstaaten-Jugend. Immer wieder wird das unermüdliche Bühnentier mit wilden Auftritten von Songs wie „Great Balls of Fire“ oder „Whole Lotta Shakin‘ Goin‘ On“ gezeigt, bei denen Lewis im typischen Stil auf die Tasten haute. 

Brett Morgen
Brett Morgen präsentierte die neue Bowie-Doku
© Chris Pizzello/Invision/AP

Zwar zeigen sich dabei auch in seiner Karriere Häutungen: vom Rock’n’Roller zum Countrystar zum christlichen Musiker und sein Einfluss auf die Musikhistorie wird ebenfalls erkennbar. Lees Weltsicht allerdings nimmt sich dabei eher schlicht aus – nicht nur, aber gerade auch im Kontrast zum überaus reflektierten Bowie, der die Musikwelt so schillernd auf den Kopf stellte und dessen Leben nun den aufregenderen Film hergibt.