Die Gäste sitzen aufgefädelt an der langen Tafel und singen: „Schön soll sie bleiben, dreimal so schön.“ Es ist Sisis 40. Geburtstag, Weihnachten 1877. Die Monarchin gilt nun offiziell als alte Frau.
Sie, die Schöne mit der androgynen Figur, dem rigiden Trainings-, und Essensplan (zwei Orangenscheiben, viele Zigaretten) und der Wespentaille, die sie sich morgens eine Stunde lang von der stärksten Zofe in ein Mieder zwängen lässt.
Marie Kreutzers gestern in der Reihe „Un Certain Regard“ in Cannes uraufgeführter Koproduktion „Corsage“ erzählt von einer hadernden, einsamen und unglücklichen Kaiserin. Von einer, die sich tätowieren, aber nicht mehr malen lässt, Ohnmachtsanfälle vortäuscht und sich dabei der Endlichkeit ihrer jugendlichen Schönheit bewusst ist. Genauso wie ihrem Status als Projektionsfläche an des Kaisers Seite. „Jetzt schauen sie wieder, ob ich alt geworden bin“, sagt sie zu ihrer Tochter bei einem Empfang. Eingeschnürt in ihre Corsage fehlt ihr zunehmend die Luft zum Atmen.

Sisi ist eine moderne Frau, die sich ihres historisch aufgeladenen Korsetts zu entledigen versucht. Sie rebelliert und erkämpft sich, wann immer es geht, ein Stück weit Selbstermächtigung. Sie fährt zum Reiten, flirtet mit dem Reitlehrer und flieht auf ausgedehnten Reisen vor dem fremdbestimmten Leben auf dem Hof. Die luxemburgische Star-Schauspielerin Vicky Krieps („Der seidene Faden“, „Bergman Island“) brilliert in der Rolle der Kaiserin: Ihr Spiel ist unnahbar, zurückhaltend, ihre Mimik bleibt uneindeutig. So, als könnten die Emotionen jederzeit implodieren.

Ihr gelingt mit "Corsage" ein furioser Coup: Marie Kreutzer
© Pamela Rußmann

Marie Kreutzer glückt mit dieser Neuinterpretation der Figur abseits der apfelwangigen „Sissi“-Trilogie Ernst Marischkas ein Coup. Das nuanciert aufspielende Ensemble ist in Höchstform: Florian Teichtmeister gibt den steifen Kaiser mit aufgeklebtem Backenbart und Manuel Rubey darf als Sisi-Vertrauter Ludwig II. auch seine egozentrische Seite zeigen.
Songs von Soap&Skin sowie Camille unterstreichen die bildgewaltige Kamera von Judith Kaufmann. „Corsage“ bürstet die Monarchie mit reichlich sinnlicher Patina und subversiven historischen Fehlern oder Figuren und Settings in der Jetztzeit gegen den Strich.
Das furiose Finale nutzt die Regisseurin, um eine der berühmtesten Frauen der Historie rückblickend in ein furchtloses und widerspenstiges Licht zu rücken.
Zur Premiere in Cannes gab es stehende Ovationen. Der Film ist ab 7. Juli im Kino zu sehen.