LEANDER HAUSSMANNS STASIKOMÖDIE
Bewertung: ***

Der ostdeutsche Regieveteran Leander Haußmann („Sonnenallee“, „NVA“) erzählt von der DDR-Staatsicherheit in Form einer liebevoll-überdrehten Farce mit Ostalgiefaktor. Schriftsteller Ludger Fuchs (David Kross) ist im Ostberlin Ende der 1980er ein aufstrebender Stasi-Offizier. Sein Chef (großartig! Henry Hübchen) setzt ihn auf die ‘subversiven Elemente’ im Prenzlauer Berg an. Doch zwei Frauen lassen ihn sicherheitspolitisch weich werden. Haußmann findet zwischen stimmungsvollen Ausflügen in den Künstler-Untergrund witzige Szenen im ostalgisch-Orwell’schen Ostberlin. Das entsprechende „Stasidrama“ lieferte der Oscar-Gewinner „Das Leben der Anderen“. Darin wird ein Schriftsteller überwacht, bei Haußmann wird der Überwacher zum Schriftsteller. Die komödiantische Lächerlichkeit der Stasi fungiert hier nur bedingt als Schlüssel für den Überwachungsstaat und der Abspann übernimmt rechtzeitig bevor die Komödie zu ernst werden müsste. Aber auch ohne diese Schärfe macht dieser DDR-Ausflug durchaus Spaß. (maw)

X
Bewertung: ****

Der genreerprobte Ti West ("The House of the Devil") verneigt sich in seinem neuen Film vor dem dreckigen Horrorkino der 1970er - der originale "Texas Chainsaw Massacre" dürfte wohl der größte Anhaltspunkt gewesen sein. Ende der 1970er begibt sich eine Gruppe junger Menschen in die texanische Einöde, um einen eigenen Porno zu drehen. Die Dreharbeiten sollen auf einer abgelegenen Ranch stattfinden. Alles scheint wie geschmiert zu laufen, doch das zunehmend seltsamere Verhalten der Grundstücksbesitzer sorgt für Unmut. Bald schon muss die gesamte Crew um ihr Leben bangen. Der Sex-positive Horrorstreifen nimmt Zuschauer auf einen atmosphärischen Genre-Ritt in stilsicherer Retro-Aufmachung mit. Eine effektive Hommage an Slasher- und Schmuddelfilmchen einer vergangenen Ära - begleitet von einem Hauch Feminismus. (pog)

DOG
Bewertung: ***

Zu Zeiten von "Step Up" wurde er noch als Teenie-Schwarm belächelt, inzwischen hat sich Channing Tatum zum gefragten Charakterdarsteller gemausert. Mit dem Roadmovie "Dog" geht der einstige Stripper jetzt unter die Filmemacher – in Co-Regie mit Drehbuchautor Reid Carolin. Tatum selbst mimt darin den ehemaligen Army Ranger Jackson Briggs, der vom unerwarteten Tod eines früheren Kollegen Wind bekommt. Er erhält den Auftrag, die Hündin des verstorbenen Soldaten zum baldigen Begräbnis zu führen. Die kriegserprobte Lulu ist seit Einsätzen in Afghanistan schwer traumatisiert und nicht leicht zu bändigen.Das Regiedebüt des Hollywood-Stars mag auf den ersten Blick den Eindruck  eines ausgedehnten Werbespots für das US-Militär erwecken, entpuppt sich aber als liebevolle Ode an die Freundschaft zwischen Mensch und Vierbeiner. Ein herzerwärmendes Buddy-Movie mit tragikomischen Einschlag. (pog)

HAUTE COUTURE
Bewertung: **

Jahrzehntelange hat Esther (Nathalie Baye) für das Pariser Modehaus Dior als Schneiderin geschuftet, nun steht die Directrice unmittelbar vor der Pensionierung. Während einer U-Bahn-Fahrt wird der elegant gekleideten Dame von einer jungen Frau die Handtasche gestohlen. Die aus den Banlieues stammende Jade (Lyna Khoudri) bekommt Schuldgefühle und bringt das erbeutete Accessoire der Besitzerin zurück. Die namhafte Modedesignerin erkennt Potenzial in der rebellischen Lady und bietet ihr ein Praktikum im hauseigenen Atelier an. Das Mädchen aus der Vorstadt wird in die Welt der gehobenen Schneidekunst eingeführt. Sylvie Ohayon schneidet Themen wie Klassenkampf und Emanzipation an, bleibt aber kaum minder oberflächlich und altbacken als das luxuriöse Milieu, in der sie sich abspielt. (pog)

SECHS TAGE UNTER STROM
Bewertung: ***

Pep (Pep Sarrà) will sich aus einem Installationsbetrieb in Barcelona verabschieden und in Rente gehen. Seinem Kollegen Valero (Valero Escolar) passt das gar nicht. Noch weniger, als er herausfindet, dass ihm der Marokkaner Moha (Mohamed Mellali) folgen soll. Doch Pep und Chefin Paqui (Paqui Becerra) bleiben hart. Valero muss sich über den Lauf einer Woche mit Moha anfreunden. Dass es hier nicht um einen Rassisten geht, der "bekehrt" werden muss, sondern um die Angst vor Veränderung und folgliche Besinnung auf niedere Instinkte macht der Film ziemlich bald klar. Neben den humorvollen Interaktionen mit exzentrischen Kunden schlägt der Film auch ernstere Töne an. Wie kann sich jemand wie Moha integrieren, wenn jeder Versuch seitens seiner Landsmänner als Anbiederung, aber auch nie gut genug von Seiten der Katalanen gesehen wird? (sg)

ONE OF THESE DAYS
Bewertung: ****

Wunderbar tiefsinnige Parabel über das Leben und den Rand der Gesellschaft: Der deutsche Regisseur Bastian Günther; der auch in den USA lebt, skizziert den skurrilen Wettbewerb eines Autohändlers in Texas: 20 Menschen stehen um einen Truck und legen die Hand darauf. Wer am Ende übrig bleibt, hat gewonnen. Ein Sittenbild der Verlierer und Verliererinnen der USA: bissig, scharfkantig und vor allem berührend. (js)



STORIES FROM THE SEA
Bewertung: ***

Das Mittelmeer: In Jola Wieczoreks Debüt ist es ein Sehnsuchts-, Arbeits- und Sterbensort. Die Filmemacherin hat für ihren eindringlichen Episodenfilm in Schwarz-Weiß drei Frauen begleitet, die das Meer durchkreuzen. Am spannendsten ist die Hamburger Seefahrerstochter Jessica, die als einzige Frau auf einem Frachtschiff mit philippinischer Crew angeheuert hat. Trotz harter Arbeit scheint sie angekommen. Die spanische Witwe Amparo lebt ein heiteres All-Inklusive-Leben auf einem Kreuzfahrtschiff, andernorts frönt eine Gruppe junger Leute auf einem Segelboot dem Leben. Bildgewaltige Ästhetik, wuchtiger Sound. Der kurze Einschub einer Erzählung über Flüchtende und die Endstation Meer bleibt. (js)

EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE
Bewertung: *****

An der Spitze der heimischen Kinocharts kämpft sich aktuell Magier Doctor Strange durch verschiedenste Parallelwelten. Dass man das Konzept des Multiversums deutlich ambitionierter umsetzen kann, als es der homogene Marvel-Kosmos zulässt, beweisen Daniel Kwan und Daniel Scheinert in ihrer neuen Regiearbeit. In ihrem Debüt ,,Swiss Army Man“ zeigten die Namensvetter schon Mut zum Absurden, ließen ,,Harry Potter“-Star Daniel Radcliffe als Leiche mit Flatulenzproblemen zum menschlichen Allzweckmesser umfunktionieren. Mit dem überaus passend betitelten ,,Everything Everywhere All At Once“ wagt sich das Duo nun in spürbar bombastischere Gefilde. Eine ausführliche Kritik von Christian Pogatetz lesen Sie hier.