PLAYGROUND

Der erste Schultag ist für Nora keine erfreuliche Angelegenheit. Ohne ihren großen Bruder Abel fühlt sie sich einsam. Doch der kämpft selbst mit Hänseleien im großen Schulbetrieb. Nur in der Pause, auf dem „Playground“, sehen sie sich. Es ist die konkrete Geschichte einer kindlichen Selbstfindung zwischen den unendlichen Unsicherheiten einer neuen Welt. Die belgische Regisseurin Laura Wandel wagt in ihrem 72-minütigen Debüt eine einfühlsame Nahaufnahme einer schüchternen Volksschülerin, ganz auf Augenhöhe und mit sehr viel Herz. Im zurückhaltend-dokumentarischen Gestus bleibt sie zusammen mit ihrer wunderbaren Darstellerin Maya Vanderbeque zu 100 Prozent an der Seite ihrer Protagonistin. (maw)



DAS LETZTE GESCHENK

Alte Männer, die ausbüxen: Das hat sich in den letzten Jahren beinahe schon zum eigenen Genre entwickelt. Pablo Solarz verwebt die Ausreißer-Story feinfühlig, aber todtraurig mit einer persönlichen Geschichtsaufarbeitung. Als seine Töchter ihn ins Seniorenheim stecken wollen, steigt der kauzige Schneider Abraham (Miguel Ángel Solá) in ein Flugzeug und startet seinen Roadtrip von Buenos Aires ins polnische Lodz. Dort will er 70 Jahre später ein Versprechen einlösen und seinem Jugendfreund, der ihm während des Holocausts das Leben rettete, etwas zurückgeben. Schon in Madrid wird er ausgeraubt. Aber Begegnungen mit Menschen mit einem Herzen aus Gold geben ihm Hoffnung. Taschentücher bereithalten. (js)

MEINE SCHRECKLICH VERWÖHNTE FAMILIE

Francis Bartek (Gérard Jugnot) ist erfolgreicher Geschäftsmann und Millionär. Seine drei erwachsenen Kinder profitieren vom Geld des wohlhabenden Vaters. In Monaco führen sie ein Leben in Saus und Braus, keiner von ihnen hat bislang auch nur einen einzigen Tag gearbeitet. Doch plötzlich soll die Familie das gesamte Geld verloren haben, aus der Traum vom sorgenfreien Luxus. Statt in einer Villa sollen sie nun in einem heruntergekommenen Anwesen hausen. Die vermeintliche Pleite ist jedoch in Wahrheit inszeniert. Der Witwer möchte seinen versnobten Kindern eine Lektion erteilen. Die Komödie nimmt lebensfremde Scheinrealitäten der modernen Überflussgesellschaft gekonnt aufs Korn. Einzig in den ernsteren Momenten wird zu sehr auf die Tränendrüse gedrückt. Die überzeugende Darstellerriege kaschiert aber so manche Schwäche. Ein unterhaltsamer Abgesang auf das (ab)gehobene Bürgertum. (pog)


THIS MUCH I KNOW TO BE TRUE

Karges, aber sakrales Ambiente: Andrew Dominiks Dokumentarfilm „This Much I Know To Be True“ begleitet die beiden Musiker und Freunde Nick Cave und Warren Ellis bei Proben und Aufnahmen im historisch aufgeladenen und dramatisch in Szene gesetzten
Londoner Battersea Arts Centre. Cave, der Fürst der Finsternis, tritt eingangs im weißen Kittel als in der Pandemie umgeschulter Keramiker auf. Köstliche Einblicke, interessante Reflexionen und ein berührender Auftritt von der Covid-gezeichneten Marianne Faithfull. Nur wenige Termine. (js)



GLASSBOY

Pino Gambassi (Andrea Arru) erscheint auf den ersten Blick wie ein stinknormaler Junge. Der Elfjährige leidet jedoch an einer schweren Form der Bluterkrankheit, die ihm den Alltag erschwert. Mit Sturzhelm ausgestattet schreitet er durchs Leben, die eigenen vier Wände soll er nicht verlassen. Sein sehnlichster Wunsch: einfach Kind sein dürfen. Als sich Pino mit einer Gruppe Gleichaltriger anfreundet, blüht er auf und fängt an, körperliche Grenzen auszutesten. Auch wenn ihm weiterhin Stolpersteine in den Weg gelegt werden, beweist der Junge großen Mut. In ihm schlummert wohl doch ein wahrer Held. Der neue Film des Italieners Samuele Rossi ist klar auf ein jüngeres Publikum ausgerichtet, schreckt aber keineswegs vor tiefergehenden Themen zurück. Sympathische Abenteuerkomödie mit spritzigem, jugendlichen Charme und visuellem Einfallsreichtum. (pog)

ALICE SCHWARZER

Keine Schlacht ist ihr zu groß, keine Debatte zu heiß: Alice Schwarzer steht gerade dort, wo es ihr vielleicht am besten gefällt – mitten im Feuer. Die bald 80-Jährige ist nach dem „offenen Brief“ von 28 Intellektuellen an den deutschen Kanzler Olaf Scholz wieder einmal omnipräsent in den TV-Studios, den Tageszeitungen und den Foren im Netz. Dabei ist sie gar nie weg gewesen. Der neue Dokumentarfilm „Alice Schwarzer“ erklärt nun, wie die populäre und polarisierende Frauenrechtlerin und „Emma“-Herausgeberin zur wichtigsten Feministin im deutschsprachigen Raum wurde. (js)
Eine ausführliche Kritik lesen Sie hier