Es gibt Filme, die von einer Situation erzählen und dann von der Wirklichkeit überholt werden. Das ist "Reflection" von Valentyn Vasyanovych passiert, der im September beim Venedig Filmfestivals Premiere feierte und nun aus aktuellem Anlass im Wiener Votivkino zu sehen ist. Der ukrainische Wettbewerbsbeitrag erzählt vom Krieg, der für die Ukrainer schon seit 2014 schwelte und köchelte. Die Hauptfigur ist der Kiewer Chirurg Serhiy. Die dreigeteilte Geschichte baut die titelgebende Reflexion rund um seine Teilnahme und Gefangennahme im Krieg im Donbass auf. Kriegsfilm sei, erzählt Vasyanovych, keiner, auch wenn er drastische Folterszenen zeigt. Stattdessen folgt er seinem traumatisierten Krieger durch die Gefangenschaft zurück in die scheinbar friedliche Zeit danach, erzählt von der Annäherung an seine Ex-Frau und Tochter. "Er lernt wieder Mensch zu sein."

Mit einiger Symbolik und unbarmherzigen langen statischen Einstellungen ist der 125-minütige "Reflection" kein einfacher Film. Auch falsch verstandener männlicher Krieger-Heldenmut spielt darin eine Rolle – ein brisanter Aspekt gerade jetzt. Doch es ist immens spannend, wie sich der Film im Lichte der jüngsten Ereignisse aktualisiert, nun, da der Krieg in der Ukraine heiß und allumfassend geworden ist. Der Regisseur gab Cineuropa am 25. Februar noch folgendes Statement: "Ich bleibe in Kiew. Ich möchte unter Menschen sein, die sich ihrer ethnischen, kulturellen und politischen Zugehörigkeit bewusst sind. Ich möchte unter ihnen sein, um wichtige Erfahrungen zu sammeln, die mir helfen, wahre Geschichten über sie zu erzählen. Ich möchte Teil einer Macht sein, die zur Zerstörung des bösen Imperiums führen wird."

Währenddessen schickt sein Kollege Oleh Sentsov eine deprimierende Videobotschaft von sich im Kampfuniform mit Gewehr. Der ab 2014 fünf Jahre lang in Russland inhaftierte Filmemacher präsentierte seinen neuesten Film "Rhino"  ebenfalls im September in Venedig und erst vor wenigen Wochen in der Ukraine (er soll bald auf Netflix verfügbar sein). Am 3. März schreibt er dann: Mit dem Fall der ersten Bombe auf dem Territorium der Ukraine hat sich das Leben augenblicklich verändert." Im gleichen Statement fordert er einen internationalen Boykott russischer Filme und bittet um Unterstützung.

Die Ironie will es, dass ausgerechnet ein kritischer russischer Film neben "Reflection" im Wettbewerb von Venedig zu sehen war. Auch "Captain Volkonogov Escaped" des Regie-Duos Aleksey Chupov und Natasha Merkulova ist seit seiner Weltpremiere im September drastisch nahe an die Gegenwart gerückt. Der Titelheld ist ein Offizier des Staatssicherheitdienstes NKVD, der plötzlich selbst auf der Flucht vor dem System ist, dem er gedient hat und Buße für seine Untaten sucht. Der Reim der sich wiederholenden Geschichte will es, dass sich ausgerechnet der überhöhte Stalinismus der 1930er mit seiner totalitären Kontrolle nun plötzlich nicht mehr so fern anfühlt. Dabei war der brutale Film bereits vor ein paar Monaten eine unübersehbare Allegorie auf das heutige Russland. Zugleich historisch und dystopisch hat der beißende Humor der Farce mit seinen Figuren in kommunistisch-roten Trainingsanzügen und Glatzen nun einen noch deutlich schmerzhafteren Beigeschmack. Ob der russische Film bei uns oder im Netz zu sehen sein wird, ist derzeit aber mehr als fraglich. Eine ausführliche Kritik aus Venedig lesen Sie hier.

Vielleicht spendet dafür ein anderer Film in diesen Kriegszeiten Trost, der vom Krieg handelt und ihn zugleich auch auf weiteren Ebenen reflektiert: Die BBC bezeichnet die berühmte Weltkriegs-Romanze "Casablanca" (1942) des gebürtigen Budapesters Michael Curtiz als den "ultimativen Film über Flüchtlinge". Der Klassiker wurde Anfang der 1940er mit heißer Nadel gestrickt und von Leuten geschrieben und verkörpert, die mit ihren eigenen Kriegserfahrungen eine kleine Produktion zu einem zeitlosen Meisterwerk formten. Ein Blick in die Produktiongeschichte lohnt sich auch für jene, die den Film schon gut kennen. Und die Szene, in der die fast durchwegs von echten Exilanten-Schauspielenden verkörperten Flüchtlinge in Rick's Café Américain die Marseillaise gegen das Lied der Nazis anstimmen, macht auch 2022 in dunklen Zeiten wieder Mut.