Filmregisseur Franco: „Ich will provoziert werden“

Der mexikanische Regisseur Michel Franco (41) gewann mit dem Endzeit-Thriller „New Order“, der neu in unseren Kinos läuft, im Vorjahr in Venedig einen Silbernen Löwen.

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Nahm im Vorjahr aus Venedig einen Silbernen Löwen mit © APA
 

Auf den Straßen von Mexiko-Stadt gibt es Schlachten mit der Polizei, in den Reichenvierteln will man von der eskalierenden Aggression nichts wissen – wie auf der Hochzeit von Marianne und ihrem Mann. Aber dann holt das Chaos die feine Gesellschaft ein. Was hat es mit der „Neuen Ordnung“ im Titel auf sich?

MICHEL FRANCO: Ich wollte, dass der Film nicht nur eine mexikanische Geschichte ist. Insofern hat der Titel Sinn. Er ist auch ein wenig zynisch: Es ist eine neue Ordnung, aber sie ist schlimmer als vorher. Ich bin immer in Sorge um diese Veränderungen, die nicht notwendigerweise zum Besseren führen.

Ihr Film ist eine Dystopie, aber eine realistische. Hoffen Sie, dass viele ZuseherInnen die Verbindung zu ihrer Realität herstellen?

MICHEL FRANCO: Das wäre großartig! Aufrütteln funktioniert nur, wenn es ein großes Publikum gibt. Sonst wäre es nur eine intellektuelle Übung für mich, und das interessiert mich nicht. Was ich im Film zeige, wird, so hoffe ich doch, nie passieren. Aber wenn wir in die jüngere Geschichte von Lateinamerika schauen, hat immer wieder eine Diktatur und das Militär die Macht übernommen und eine Ordnung durchgesetzt. Die Geschichte ist in der näheren Zukunft angesiedelt. In Mexiko ist es noch nie passiert und wird hoffentlich auch nicht passieren. Aber es sollte sich real anfühlen.

Zur Entführung im Film haben Sie ja eine persönliche Erfahrung.

MICHEL FRANCO: Ja, ich wurde als 20-Jähriger entführt. Es war, was man scherzhaft „Express-Kidnapping“ nennt. Aber es war kein Scherz. Ich wurde eine ganze Nacht herumgefahren und dachte, ich werde sterben. Es war sehr eindrücklich. Aber viele Leute, die ich kenne, sind gekidnappt worden. Es ist lächerlich, wenn wir denken, dass es normal ist! Man gewöhnt sich an das Schlimmste und akzeptiert es als normal

Wollten Sie mit ihrem Film provozieren?

MICHEL FRANCO: Oh ja! Wenn ich ins Kino gehe, will ich provoziert und berührt werden. Filme sollten viel mehr sein als Unterhaltung. Einen ernsthaften Film über dieses Thema zu machen und weniger schlimm und weniger hart zum Publikum zu sein, fühlt sich falsch an. Ich würde den Film betrügen. Es muss so sein. Und für mich entsteht die Hoffnung, dass wir nach dem Kinobesuch nachdenken, was wir verändern können. Aber nicht innerhalb der Geschichte.

In der Zukunft, von der Sie erzählen, eskaliert der Klassenkampf von beiden Seiten. Wie haben sie die Perspektiven gewählt?

MICHEL FRANCO: Ich bin Teil der privilegierten Blase. Ich kenne sie gut, aber ich verurteile nicht. Wir sind alle Teil des Problems, und natürlich könnte diese privilegierte Klasse Veränderung herbeiführen. Aber wir machen nichts, um etwas zu verbessern. Und ich müsste blind sein, wenn ich die andere Seite nicht verstehen würde! Dabei wollte ich nicht auf eine heuchlerische Weise einfühlsam sein. Aber wenn ich so leben würde, würde ich auch zu Gewalt als Mittel greifen.

Auch die reichen Leute im Film müssen einen hohen Preis zahlen.

MICHEL FRANCO: Ja, Geld rettet einen nicht. Das ist so wichtig und frustriert mich so in Mexiko. Die Leute wollen sich Sicherheit kaufen. Reiche werden oft von bewaffneten Bodyguards in der Gegend herumgefahren. Aber eines Tages werden diese sich gegen sie stellen. Man kann sich keinen Seelenfrieden kaufen.

Zur Person

Michel Franco (*1979) gewann mit seinem Film „After Lucia“ den Prize Un Certain Regard beim Cannes Film Festival 2012. In den USA inszenierte er „Chronic“ und stellt gerade den Film „Sundown“ mit Tim Roth und Charlotte Gainsbourg fertig, der beim diesjährigen Venedig Filmfestival seine Premiere feiern soll. Beim Venedig Filmfestival 2020 gewann er mit „Nuevo Orden“ den Silbernen Löwen für den Großen Preis der Jury.

Zum Film

"New Order"

Auf den Straßen liefern sich Demonstranten immer wütendere Schlachten mit der Polizei, lange wird sie die Gewalt nicht mehr eindämmen können. In einem edlen Anwesen in einem Reichenviertel von Mexiko-Stadt will man von der eskalierenden Aggression draußen vor den Toren nichts wissen. Hier feiert die gehobene Gesellschaft ein rauschendes Fest, als gäbe es kein Morgen mehr: die Hochzeit von Marianne und ihrem Ehemann. Unterbrochen wird die ausgelassene Stimmung von einem getreuen Angestellten. Er bittet Marianne so verzweifelt um Hilfe, dass sie die eigene Feier verlässt und sich mit ihm mitten hinein begibt in das unberechenbare Chaos auf den Straßen. So erlebt sie nicht mit, wie die Hochzeitsparty mit ihren Gästen gestürmt wird. Jetzt entlädt sich der Zorn, eine schonungslose Treibjagd beginnt, das Militär schreitet ein. Niemand ist mehr sicher. Und Marianne steckt mittendrin.

Mit "New Order - Die neue Weltordnung" ist dem gefeierten mexikanischen Filmemacher Michel Franco ein schonungsloser und radikaler Endzeit-Thriller gelungen, der die Finger ebenso präzise wie konsequent in die Wunden der modernen Gesellschaft legt. Als würden die aktuellen Schlagzeilen von Protesten in den Metropolen der westlichen Welt zu filmischem Leben erweckt, entfaltet sich ein erschütterndes Szenario, in dem die öffentliche Ordnung zusammenbricht und nur noch das Recht des Stärkeren gilt.

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