AccessControl ac = AccessControl.getAccessControl(request);

InterviewJuliette Binoche: "Soziale Medien machen uns alle abhängig"

Mit einem falschen Facebook-Profil schlüpft Juliette Binoche in die Rolle einer Jüngeren. Der anfängliche Spaß wird zur Spirale aus Lügen. Wie hält es die Französin selbst mit sozialen Netzwerken?

Juliette Binoche
Juliette Binoche © APA/AFP/ODD ANDERSEN (ODD ANDERSEN)
 

Im Film „So wie du mich willst“ spielt Juliette Binoche die 50-jährige Literaturdozentin Claire, die in einer schwierigen Beziehung mit ihrem jüngeren Liebhaber Ludo lebt. Um ihn auszuspionieren, legt sie sich ein falsches Facebook-Profil zu und wird zu Clara, einer hübschen 24-Jährigen. Just der Fotograf Alex, Ludos bester Freund, findet ihr Profil online und verliebt sich in sie. Der intensive Chat-Flirt führt gefährlich nahe an den Abgrund.

Die Fachbibel „Variety“ beschrieb den Film als „fiebriges Hitchcock'sches Melodram“.
JULIETTE BINOCHE: Grundlage war ein sehr erfolgreicher Roman von Camille Laurens, den ich mit starkem Interesse gelesen habe. Unser Regisseur Safy Nebbou hat daraus mit Julie Peyr ein Drehbuch entwickelt. Er meint, man könne die Geschichte als böse Komödie, aber auch als Drama sehen. Und ebenso als Thriller. Und das entspricht eigentlich dem, was „Variety“ schrieb. Die Geschichte spielt auch mit dem Publikum, das ja dazu tendiert, zu glauben, was es glauben möchte.

Wie hat Safy Nebbou die Story konstruiert?
JULIETTE BINOCHE: Wie einer dieser russischen Puppen, die man Matrjoschkas nennt. Man öffnet sie und zieht eine kleinere Puppe heraus. Und so geht es weiter. Nach und nach enthüllen sich alle Geheimnisse.

Jedenfalls eine Mordsaufgabe für eine Schauspielerin, denn das Pendeln zwischen einer 50-Jährigen und einer halb so alten Frau ist hier ja wesentlich. Dazu die gesamte Gefühlsspirale der beiden. Für Sie eine völlig neue Aufgabe?
JULIETTE BINOCHE: Nicht ganz. Denn schon in „Die Wolken von Sils Maria“ von Olivier Assayas, in „Die Liebesfälscher“ von Abbas Kiarostami und „Code: Unbekannt“ von Michael Haneke spielte ich Figuren zwischen Realität und Fiktion. Doch ja: Claire und Clara zu verkörpern, war schon etwas Besonderes. Letztendlich wählt man den Beruf einer Schauspielerin, um solche Aufgaben zu meistern. Ich persönlich liebe es, wenn mich bereits das Lesen eines Drehbuches in Erstaunen versetzt. Speziell ziehen mich Gefahren immer an.

Können solche Gefahren auch echt gefährlich werden?
JULIETTE BINOCHE: Zugegeben: ja. Denn Figuren wie Claire und Clara erlauben einem jeweils auch, Neues in sich selbst zu erkunden. Und die Idee, sich selbst in Gefahr zu begeben und Unbehagen zu spüren, kann man oft nicht vom künstlerischen Prozess trennen. Besonders Claire gehörte zu den Rollen, bei denen ich fürchtete, meinen Halt zu verlieren, weil sie die Auseinandersetzung mit dem eigenen Alter provozierte. Um sich letztendlich davon zu befreien, muss man bereit sein, ganz auf den Boden der Wahrheit zu tauchen. Hat man es geschafft, kann man sich zurücklehnen und entspannt sagen: Na und?

Facebook spielt im Film eine wichtige Rolle. Was halten Sie von Facebook?
JULIETTE BINOCHE: Es schaut anfangs sicher aus, ist es aber nicht. Claire begibt sich mithilfe von Facebook in ein künstliches Leben. Das funktioniert aber nicht, sie ist plötzlich in ihrer Illusion gefangen und kann ihr nicht mehr entfliehen.

Facebook kann also geradewegs in eine Hölle der Lügen führen. Was halten Sie von Lügen?
JULIETTE BINOCHE: Sie zählen für mich zu den schlimmsten Dingen. Deshalb habe ich nie ein Facebook-Profil eröffnet. Sicher auch aus Angst. Im Leben wollen wir doch immer unseren Schmerzen entfliehen. Da ist Facebook verlockend. Die neuen Mittel der Kommunikation entführen uns in eine Welt, die uns vermeintlich freier macht, sie regen unser Verlangen an. Zugleich machen sie uns aber abhängiger und führen oft dazu, dass wir unser eigenes Grab graben. Besondere Angst habe ich in diesem Sinne um die jüngere Generation.

Regisseur Safy Nebbou
Regisseur Safy Nebbou Foto © Alexandre delamadeleine

Auf Instagram findet man Sie aber
JULIETTE BINOCHE: Das scheint mir die bessere Variante. Man kann interessante Informationen teilen und ebenso sinnvolle Aktionen ohne Zeitverschwendung starten. Freilich ist das Auftauchen von Perversionen auch dort möglich. Aber wenn ich diesen Verdacht habe, klinke ich mich aus.

Der Film schneidet auch die Frage des Alterns an.
JULIETTE BINOCHE: Das ist auch ein Hauptthema in den Frauenmagazinen. Wenn deren Inhalt für die Leserinnen nicht interessant wäre, würde sie ja niemand kaufen. Und da wird einem oft auch der Weg zur „ewigen Jugend“ angepriesen. Mittels Kleidung, mittels Kosmetik und so weiter. Dafür eine Obsession zu entwickeln, kann bei Frauen am Ende zu Schuldgefühlen führen. Aber was soll eine 50-Jährige machen, die von ihrem Mann plötzlich verlassen wird? Für eine halb so alte Frau! Ist es ein Wunder, wenn sie plötzlich traumatisiert ist? Es gibt nur einen Weg - sich davon zu befreien. Wenn man das nicht kann, kommt man nicht vom Fleck und leidet. Und davon handelt „So wie du mich willst“.

Glauben Sie an die wahre Liebe?
JULIETTE BINOCHE: An dieses bedingungslose Gefühl, das zwei Menschen verbindet und das auch weiter besteht, wenn man körperlich älter wird? Ja, daran glaube ich. Schon allein, weil wirkliche Schönheit nicht das ist, was uns von Publicity vorgegaukelt wird. Und ich bitte Sie: Cellulitis haben ja auch schon Babys.

Was bedeutet für Sie dann Sex? „Der hat in meinem Leben keine Priorität“, haben Sie einmal gesagt, „ich will lieber begehrt werden“.
JULIETTE BINOCHE: Dazu stehe ich nach wie vor.

Kommentare (4)

Kommentieren
joe1406
2
3
Lesenswert?

Unser eigenes Grab

Das eigene Grab kann man sich auch schaufeln, wenn man zu viel über Gott und die Welt nachdenkt. Abhängig kann man sehr vielen Dingen sein - die Tageszeitung, TV usw. usw. Nicht nur immer auf die neuen Medien losgehen. Und gelogen wird überall, dass sich die Balken biegen. Wäre eine fürchterliche Welt, wenn alle immer die Wahrheit sagen müssten. Damit meine ich vor allem "zwischenmenschliche" Beziehungen. Ich hätte sonst gestern in der Schlange bei der Kasse zwei Mitmenschen sagen müssen sie sollen sich endlich mal waschen. Und ich selbst hätte mir in den letzten Tagen auch einiges anhören müssen.

Antworten
erstdenkendannsprechen
0
1
Lesenswert?

stimmt alles.

aber es ist über die sozialen medien sehr leicht, gleichgesinnte zu finden, um dann in seiner eigenen blase fortzuleben. diskussion oder akzeptanz bzw. toleranz anderer meinungen nimmt so eher ab - nur meine beobachtung.

Antworten
joe1406
0
0
Lesenswert?

ja das stimmt natürlich auch

aber auch außerhalb der sozialen Medien leben wir sehr gern in einer "Meinungsblase" - weil es angenehmer ist und suchen doch eher den Kontakt zu Gelichgesinnten. Sehe da nicht wirklich einen Unterschied. Außer im Job - da muss man mit jedem zurechtkommen.

Antworten
brosinor
1
2
Lesenswert?

Bitte Frau Binoche:

Ich bin nicht ALLE!

Antworten