In den letzten Tagen sah ich einige Autos in Klagenfurt mit dem Schriftzug: "KILL PUTIN". Ich selbst habe letzte Spielzeit vor einer Rigolettovorstellung – halb im Scherze – gemeint, dass ich den Berufsmörder Sparafucile gerne einmal in Moskau vorbeischicken würde. Das sorgte für Aufregung. "Das darf man vielleicht denken, aber nicht aussprechen", meinte eine Besucherin.

Wirklich? Wie steht es mit dem Tyrannenmord in unserer Gesellschaft? Ist es ein Tabuthema? Oder sollte man nicht doch offen darüber diskutieren, auch wenn es ein sehr heikles, sensibles Thema ist?
Die USA haben erst kürzlich einen Al-Kaida-Terroristen liquidiert – ohne jegliche rechtliche Grundlage. Gelten für die Vereinigten Staaten andere Regeln als für andere Nationen?

Angela Merkel hatte seinerzeit die gezielte Tötung Bin Ladens "mit Freude" zur Kenntnis genommen. Ihre alttestamentarisch anmutende Reaktion über den Tod des Gegners sorgte für eine moralisch-philosophische Debatte. Ist nicht die Würde eines jeden Menschen unantastbar, unabhängig von seinen Taten?
Man hätte sich über eine Verhaftung Bin Ladens freuen dürfen – mit einem anschließenden, ordentlichen Gerichtsverfahren. Und mit gutem Grund ist unser Rechtsstaat gegen die Todesstrafe.

Kopie einer Statuengruppe, die um 477 v. Chr. in Athen aufgestellt wurde, um zweier "Tyrannenmörder" zu gedenken
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Geburtsstunde der Demokratie

Trotzdem ist der Tyrannenmord seit der antiken Philosophie eine Streitfrage. Der Anschlag auf die beiden Tyrannen Hippias und Hipparchos, verübt vom Brüderpaar Harmodios und Aristogeiton (siehe Bild), gilt als die Geburtsstunde der Demokratie in Athen.

Was wäre gewesen, wenn das Attentat gegen Hitler am 20. Juli 1944 gelungen wäre? Ist Stauffenberg nicht seinem reinen Gewissen gefolgt und wäre es nicht gut gewesen, Hitler zu beseitigen? Stauffenberg wird als Widerstandskämpfer – zu Recht – verehrt. Dietrich Bonhoeffer hat lange mit sich gerungen, ob er sich als Christ an der Tötung Hitlers beteiligen könne. Er berief sich auf Martin Luther. Der Reformator rechtfertigte Widerstand, wenn der Staat die Ordnung auflöst.

Bonhoeffer legitimierte letztendlich den Tyrannenmord nicht nur, sondern sah ihn mit Blick auf die Gräueltaten der Nazis sogar als Pflicht.
Im Buch Mose (4,16) lehnt sich Korach gegen Moses und Aaron auf. Er kommt mit seinem Stamm im Feuer um, weil er sich gegen die legitime Führung des Volkes richtet. Und der große Kirchenlehrer Thomas von Aquin legte konkrete Kriterien vor, wann ein Tyrannenmord für die Kirche legitim ist: 1. Wenn der Herrscher die bestehende Ordnung außer Kraft setzt und die eigenen Bürger nicht vor Gewalt schützt und 2. Wenn er als Usurpator die Macht gewaltsam an sich reißt. Wenn alle friedlichen Mittel ausgeschöpft sind, sah Thomas von Aquin den Tyrannenmord als legitim an.

Recht zum Widerstand

Im deutschen Grundgesetz gibt es sogar im Artikel 20 ein Recht zum Widerstand: "Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist." Das Recht zum Widerstand richtet sich vor allem gegen staatliche Organe, die versuchen, durch politische Entscheidungen (Gesetze, Maßnahmen) die gegebene Verfassungsordnung außer Kraft zu setzen, zu beseitigen oder umzustürzen.

Was ist nun mit dem Machthaber in Moskau, der in Europa einen Krieg angefangen hat, der unendliches Leid verursacht? Der Oppositionelle verhaften oder gar vergiften lässt? In dessen Umfeld mysteriöse Morde passieren? Der die westlichen Demokratien zu unterwandern und zu schwächen sucht? Putin ist zu einer Gefahr nicht nur für Russland geworden, sondern für die ganze Welt. Er ist eine Gefahr für die bestehende Ordnung weltweit und für eine Gewalt verantwortlich, welche sich nicht nur gegen die eigenen Bürger richtet. Erst neulich drohte er wieder, Atomwaffen einzusetzen, und kündigte zuletzt eine Teilmobilmachung an. Es hat den Anschein, als wäre er in die Ecke getrieben und zu allem fähig.

Es bleibt aber immer noch die Frage, ab wann ein Eingreifen gerechtfertigt ist und auf welcher Grundlage es basiert. Und: Wer ist Tyrann in wessen Augen? Was folgt auf den Tyrannen? Wird die Situation dadurch besser? Diese Fragen sind nicht leicht zu beantworten, gerade mit unserem Wertesystem. Und das ist auch gut so. Aber wir sollten darüber offen diskutieren.