"Das dreißigste Jahr" feiert der Junior Bachmann Literaturwettbewerb. Der  vom Ingeborg Bachmann Gymnasium organisierte und ins Leben gerufene Wettbewerb hat auch heuer wieder viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Österreich und Deutschland motiviert, teilzunehmen.

Die Anspielung auf den ersten Erzählband von Ingeborg Bachmann ("Das dreißigste Jahr") freut auch Heinz Bachmann, Bruder der verstorbenen Autorin - wie er im Vorwort der erschienenen Broschüre schreibt. Bachmann erinnert darin, was seine Schwester sagte: "Dass man als Autor oder Autorin in vielem von der Jugendzeit zehrt, trotz aller Erfahrung, die man im Laufe des Lebens ,sammelt'".

Und jene Schüler und Schülerinnen, die sich mit dem Werden eines Textes beschäftigen, werden diese Erfahrung noch lange als einen Schatz mit sich führen. Wir stellen die ersten drei Plätze in drei verschiedenen Kategorien vor.

Platz 1 in der Kategorie 1 der 10- bis 12-Jährigen:
Jonathan Mautz (11), Waldorfschule Klagenfurt

Winter unter meinem Bett

Ich lag wieder einmal gemütlich in meinem Zimmer auf dem Bett. Mein Bett ist der einzige Platz im Zimmer, wo nicht viel herumliegt, aber ich finde das gemütlich. Na ja, an die Essensreste unter dem Bett denke ich lieber nicht, aber die habe ich mit meiner Schmutzwäsche verdeckt und der Geruch stört mich nicht. Ich suchte schon lange mein Englischheft, aber ich fürchtete, es liegt am Schreibtisch und wenn ich es raus ziehe, fällt der ganze zwei Meter hohe Stapel, der darauf liegt, mit hinunter.

Ich lag also da und dachte an nichts und hörte meine Mutter draußen herumjammern. Sie machte die Tür auf, um hereinzukommen und zu schimpfen, aber die Tür ging nur einen kleinen Spalt auf, weil meine Schuhe und meine Jacke im Weg lagen. Ich hörte nur wie sie irgendwas mit "'Chaos" und "Tohuwabohu' jammerte und, dass es in meinem Zimmer stinken würde. Da setzte ich meine Kopfhörer auf und drehte die Musik lauter, damit ich sie nicht mehr hören musste und chillte.

Beim Abendessen schimpfte sie weiter. Sie sagte: „Dein Zimmer ist eine Zumutung, niemand kann in so einem Chaos leben und ich weigere mich das zu putzen. Da werden bald Mäuse und Ratten einziehen. Andere Leute haben kein zu Hause und du lässt alles so verkommen.“ Mich nervte ihre Ansage sehr, aber ein bisschen komisch fühlte ich mich schon. Wegen der Leute ohne zu Hause und vor allem, wegen der Ratten und Mäuse. Nachts hörte ich nämlich immer wieder Geräusche unter meinem Bett. Ich versuchte nicht mehr daran zu denken.

In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen, weil ich immer lauschen musste, ob ich etwas rascheln höre. Es knisterte und ich hörte ein Kichern und Flüstern. Da ich weiß, dass Mäuse das nicht können, bekam ich Angst. Stocksteif lag ich im Bett. Plötzlich roch es nach Essen und Rauch stieg unter meinem Bett auf. Ganz vorsichtig beugte ich mich hinunter und schob die dreckige Wäsche zur Seite und ich schwöre es: Unter meinem Bett saßen zwei Typen und grillten auf einem Minigriller meine Essensreste. Sie hatten es sich gemütlich gemacht und unten nett eingerichtet mit Sachen, die ich schon ewig suchte. Scheinbar wohnten die schon länger hier.

Nachdem ich mich vom Schock erholt hatte, sagte ich: „Alter. Spinnt ihr? Ihr fackelt noch die ganze Hütte ab. Wer seid ihr und was zur Hölle macht ihr unter meinem Bett?" „Oh, der Burli ist munter. Tut uns leid. Ich bin der Hubert. Hast du Hunger?", fragte der kleinere Typ mit der Kartoffelnase. "Ja, Guten Abend, wir wollten dich nicht wecken. Ich bin der Torben. Komm doch zum Essen runter“, sagte der lange, dünne Typ mit den grauen Locken.

Ich kroch also unter mein Bett und die zwei erzählten, dass sie sich keine Wohnung leisten können und jetzt im Winter ist es draußen so furchtbar kalt. Unsere Wohnungstür stand vor ein paar Tagen offen, als meine Mutter die Post holte, und da haben sie sich ein bisschen umgeschaut und gesehen, dass unter meinem Bett ein idealer Platz zum Überwintern wäre, mit Verpflegung, und sind eingezogen. Torben und Hubert waren echt cool. Tagsüber schliefen sie und nachts wurde gekocht und gefeiert. Ich fing an Dinge aus dem Kühlschrank zu stehlen und ihnen zu bringen. Wir spielten Karten, aßen rohe Zwiebel und die beiden tranken Prosecco aus unserem Keller, was meine Mutter nie erfahren wird. Wir hatten eine gute Zeit. Irgendwann checkte es meine Mutter natürlich und war mäßig begeistert über die Gäste. Aber nachdem ihr Hubert die kaputte Waschmaschine wieder zum Laufen brachte und Torben ihr sagte, dass sie die hübscheste Rollstuhlfahrerin wäre, die er je gesehen hat, war sie ganz gechillt und freundlich und lud sie zum Essen in unsere Küche ein.

Irgendwann kam der Frühling und eines Tages waren die beiden verschwunden. Ich war traurig. Meine Mutter auch, glaube ich. Sie machte einen Frühjahrsputz in meinem Zimmer und jammerte dabei ohne Ende. Es ist echt nett einmal ein sauberes Zimmer zu haben, aber so richtig gemütlich ist es nicht. Egal! Bis zum Herbst ist mein Chaos sicher wieder wie es immer war, und dann werde ich wieder im Bett herumliegen und darauf warten, dass Torben und Hubert unter mir einziehen.

Jonathan Mautz (11), sechste Klasse Waldorfschule
Jonathan Mautz (11), sechste Klasse Waldorfschule
© Privat

Platz 1 in der Kategorie 2 der 13- bis 15-Jährigen:
Emma Rodiga (14), 5a BG/BRG Lerchenfeld Klagenfurt

Vom Weggehen

Und da saßen sie nun. Weit voneinander entfernt und dachten an sich, an umgefallene Bäume, die mit ihren gelösten Wurzeln Gedanken aus den Köpfen rissen, an eine vom Himmel tropfende Sonne, wenn man einen Spalt bloß freimachte von den geschlossenen Augen und unpräzise durch die wie zwischen Strommasten gespannte Kabel über den Lidern verwachsenen Wimpern ein halbes Licht fallen ließ, sie dachten an Adventskalender mit 28 schluckenden Türchen und farblos gerahmte Spiegelfliesen. Sie platzierten sich auf allerlei überragenden Spitzen, weil sie sich kaum kannten. Sie schabten Staub aus den Ofenrillen, wenn sie von der Küchenarbeitsplatte blickten, zupften sich gedankenverloren Blätter aus den Haaren, wenn sie gedachten, sich in Baumwipfeln inspirieren zu lassen, und überschlugen die fest beschuhten Füße, wenn es ein Berg sein sollte, von dessen Höhe sie eine gut sichtbare Antwort erwarteten. Sie suchten die Hände über dem Balkongeländer verschränkt, von den Gartenhüttendächern ins Gras spähend und mit von Stegen baumelnden Füßen und ein Gedanke wuchs in ihren Köpfen. Er ließ sie nachdenklich die Stirnen in Falten legen, wie an die Straßenseiten geschobener Schnee rückte die Haut zusammen und formte grübelnde Züge um die Gesichter, während sie begannen, Termine aus ihren Kalendern zu streichen.

Überall gab es sie hier, die Menschen, die davon träumten, einfach wegzugehen, die meinten, in ein anderes Leben gehen zu können, wie in ein anderes Zimmer, und die Tür zu dem, aus dem sie kamen, die wollten sie einfach zumachen. Zumachen und abschließen, am besten mit Brettern zunageln noch. Sich umdrehen, das machten sie gedanklich groß, sie dachten, sie seien nicht genug von ihnen selbst, dass sie in Wirklichkeit ganz anders seien, viel weiter reichen könnten, und fast zweifellos vermuteten sie, ihre Rückseiten würden eher sie selbst sein als sie. Bedeutungsvoll stellten sie es sich vor, wie sie alle Möbel aus der Wohnung hinaus in den Gang schoben, um in leeren Räumlichkeiten stehen zu können, weil es sich darin bestimmt leichter Abschied nehmen ließ, und dann, wenn sie dastanden, mit an den Beinen klebenden Hosen, denn die Möbel waren sicherlich schwer für einen allein, dann würden sie majestätisch ihre Pullover an den Säumen fassen und so von sich streifen, dass beide nachher auf links gedreht wären, mit der nach außen gekehrt werdenden Naht würde eine ganz neue Version von ihnen zum Vorschein kommen. Eine, die tief durchatmen würde, wenn sie nur mehr ein Unterhemd anhätte, und ohne noch einmal den Kopf nach hinten zu wenden ihr auf dem hinausgeräumten Kasten ruhendes Gepäck nehmen würde, um auf schnellstem Weg zum Bahnhof zu gelangen, vielleicht sogar zum Flughafen. Dort würde sie sich an einem Bahnsteig platzieren oder in solch eine in ein aus Absperrbandzäunen bestehendes Labyrinth gezwängte Menschenreihe, die sich mit ächzenden Koffern ihren Weg zum Ticketschalter bahnte, und in ein Gefährt in die Ferne steigen. Mit dem Fuß, der den fremden Boden berührte, wäre alles gewandelt, seufzten sie stumm.

Mit überzeugten Augen kletterten sie von ihren Anhöhen, einem wehenden Umhang gleich zogen sie die Überzeugung hinter sich her, während sie sogar vom Küchentisch hinunter über schmale, steinige Wege rannten, um der Aufregung Platz zu geben. Sie richteten sich nach ihren Ausmalereien und packten ihre Taschen, sie ließen sich nicht aus der Ruhe bringen davon, dass, als ihre Pullover grazil zu Boden segelten, es ihnen so vorkam, als würden sie einen Pullover ausziehen und nichts weiter. Die Wirkung merkt man erst später, dachten sie, als sie noch hastig die Zahnbürsten einpackten, wahrscheinlich sehen es zuerst die anderen, beruhigten sie sich drei Straßen weiter, ist das wirklich eine gute Idee?, fragten sie sich, als ihnen das Wechselgeld samt einer Fahrkarte in die Hand gedrückt wurde.

Unsicher hielten sie nach ihren Stationen Ausschau und stolperten mit an die Fersen schlagenden Rollkoffern zwischen den Wartebänken und Plänen nach vorne. Sie klopften mit den Schuhspitzen auf den Boden, schlugen die in der Ungeduld zu warm gewordenen Jacken um die Taillen zusammen und konnten die fehlende Gewissheit fast nicht aushalten. Sie sahen sich um, schauten über die anderen Passagiere, die Zeitung lasen, gelangweilt die Arme vor der Brust verschränkten oder sich unterhielten, mit Entsetzen betrachteten sie, wie einfach es den anderen zu fallen schien, gleich in einen Zug zu steigen, auch die, die vorhatten, den Flieger zu nehmen, wirkten keinesfalls aus dem Konzept gebracht, vielmehr schienen sie sich in ihren Rollen völlig wohlzufühlen. Erschrocken bemerkten sie die für sie immer weiter werdende Kluft zwischen den Absichten, zwischen ihnen und ihren Nachbarn, wie deutlich der Unterschied war, ob man zurückkommen wollte oder nicht.

Eine tiefgreifende Verzweiflung schlich sich ihnen ein, haltlos flogen ihre Nasen von einer Richtung in eine andere, in der Hoffnung, etwas zu finden, an dem sie ihr Vorhaben sicher festhalten konnten, doch in ihrer Aufgebrachtheit konnten sie nichts finden. Die Uhren fielen ihnen nicht auf. Sie vermerkten die schimmernden Glastüren in ihren Gedächtnissen, den Zigarettenrauch, der die Umgebung grauer färbte als sie war, und die Stufen aus Gittern, durch die man in Kästchen auf die Sohlen der hinauf- und hinab gehenden Leute starrte, doch zu den runden Uhren über ihnen hinaufzusehen, daran dachten sie so zwiegespalten nicht. Dort nämlich hätten sie gesehen, dass ihnen die Zeiger nicht die Zeit vorspielten, sie zeigten, wie die Minuten verrannen, in denen sie darüber grübelten, was wohl wäre, und nicht das, was wohl war, und sie hätten verstanden, dass es ganz an ihnen lag, ob sie einstiegen, dass mit dem Umdrehen nicht alles getan war, dass sie sich selber ausdenken mussten, um herauszufinden aus diesem Chaos, aus diesem Tohuwabohu. Und wir, wir dürfen es ihnen nicht sagen.

Emma Rodiga (14), 5a BR/BRG Lerchenfeld Klagenfurt
Emma Rodiga (14), 5a BR/BRG Lerchenfeld Klagenfurt
© Privat

1. Platz in der Kategorie 3 der 16- bis 19-Jährigen:
Marie Sophie Plenk (17), 12. Schulstufe, Waldorfschule Klagenfurt:

Innerer Monolog

„Es gab mich praktisch nicht“

[…] Mein Leben wird hier enden.

Ich weiß es, ich habe es gehört, eine Frau neben mir hat es gesagt. Sie hat gesagt, dass alle Menschen, die in den Zug kommen in den Tod fahren. Ja, ich weiß, dass ich sterben werde, und ich kann nichts dagegen tun. Die Toten, die ich die letzten Wochen auf der Straße liegen sah, waren mir mit der Zeit egal geworden, denn wenn man stets vom Tod begleitet wird, kommt er einem lang nicht mehr so schrecklich vor. Zumindest bei fremden Personen.

Ich habe so viele Tote auf den Straßen gesehen, für so lange Zeit, dass ich nicht weiß, ob es noch Straßen ohne Tote gibt. Jetzt im Nachhinein tun sie mir leid. Sie haben sicher Angst gehabt, so wie ich es nun habe. Ob sich Erwachsene wohl anders fühlen, wenn sie wissen, dass sie sterben müssen? Ich wäre auch gern erwachsen geworden…

Ein eigenes Haus einen eigenen Garten und ich könnte mir so viel Spielzeug kaufen, wie ich möchte. Warum spielen Erwachsene eigentlich nicht mehr? Ist es ihnen zu langweilig oder sind sie diejenigen, die zu langweilig sind? Eigentlich wollte ich immer einen Hund haben, einen schönen großen mit weichem Fell, aber jetzt habe ich Angst vor ihnen, sie tun viel zu sehr das, was man ihnen befiehlt, auch wenn es etwas Böses ist. Wissen sie überhaupt was gut oder schlecht ist? Naja, sie sind wahrscheinlich so böse zu uns, weil es ihnen selbst besser geht, wenn sie uns nicht mögen...

Wer will schon nett sein, wenn er für das Nettsein bestraft wird? Hoffentlich sehe ich nochmal die Sonne.

Ich mag die Sonne, denn sie strahlt für Kinder, Erwachsene, Juden, Christen, Hunde, Katzen und Bäume. Für die Sonne gibt es keine Unterschiede, für sie sind alle gleich viel wert. Mein Papa hat immer gesagt, dass es für alles einen Grund gäbe oder dass alles einen Sinn hätte.

Diesen Satz hat er aber schon seit einiger Zeit nicht mehr verwendet und ich weiß auch warum. Welchen Sinn hat es, dass Kinder wie ich leiden und sterben müssen? Es gibt einfach keinen einzigen Grund. Ich hoffe, dass ich nicht vergessen werde, ich hoffe, dass niemand vergessen wird, der hier mit mir stirbt.

Jeder hat es verdient nach seinem Tod in der Erinnerung von den noch Lebenden zu bleiben. Vermisst. Und noch immer geliebt. Schade nur, dass es so sein wird, viele Namen werden in Zukunft vergessen werden und ebenso die Gesichter werden in Vergessenheit geraten, zu denen einst dieser Name gehörte.

Das Wort Tohuwabohu, habe ich von meiner Mama gelernt. Sie rief es immer, wenn mein Zimmer so unordentlich war, dass ich nicht einmal mehr zu meinem Bett fand. Wie ich dieses Wort hasste. Ich hasste es, weil ich wusste, dass es Zeit war aufzuräumen.

Jetzt vermisse ich dieses ungewöhnliche Wort und vor allem dessen Bedeutung. Denn seit Monaten, durfte ich kein Tohuwabohu stiften und auch alle anderen nicht, welche mit mir in den Baracken lebten. Wir alle mussten nach Regeln leben, die wir nicht einmal selbst aufgestellt haben. Jedes Leben ist in einer gewissen Art und Weise Chaos, niemand weiß was im nächsten Moment passieren wird und nur der, dem dieses Leben gehört, kann dieses Chaos bewältigen.

Hier im Zug weiß aber fast jeder was in naher Zukunft passieren wird. Dieser Traum vom eigenen Leben, von der Neugierde was die nächsten Jahre passieren wird, ist für uns schon lang in tausend Teile zerbrochen.

Mari Sophie Plenk (17), Waldorfschule Klagenfurt
Mari Sophie Plenk (17), Waldorfschule Klagenfurt
© Privat