Egyd Gstättner denkt querDer Bundeskanzlerverschleiß oder: Wozu brauchen wir einen Kanzler?

Egyd Gstättner würde gerne einem Politiker nachrufen: "Jüngling, du bis zu früh in die Politik gegangen, viel zu früh! Erst die Fortpflanzung, dann die Staatsgeschäfte!"

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Egyd Gstättner © 
 

Meine heutige Glosse muss leider kurzfristig entfallen. Dabei wäre es wahrscheinlich eine der schönsten geworden, die ich je geschrieben habe. Auf der Suche nach Übereinstimmung und Gemeinsamkeiten in Zeiten der Zwietracht und des überbordenden Misstrauens gegen Politik, Medien, Wissenschaft, Medizin und Expertenkaste habe ich mich tröstend über die sensationelle Tatsache ausgelassen, dass erstmals in der Geschichte der Republik Bundespräsident und Bundeskanzler den gleichen Namen hatten: Nomen erat omen! Alexander & Alexander – wie ein letzter Rest von Staatsharmonie!

Und kaum hatte ich die Glosse fertiggeschrieben, war sie Makulatur! Sieben Kanzler in vier Jahren, drei Kanzler in zwei Monaten, und geht es so weiter, wird man demnächst beim Aufstehen in der Früh nicht mehr wissen können, wie der Kanzler abends beim Schlafengehen heißen wird. Auf alle Fälle wird er gar nichts mehr heißen. Steigend auf so wie Gestirne, geh’n sie wie Gestirne nieder. Eigentlich geh’n sie gar nicht wie Gestirne nieder, sondern sie stürzen ab wie Hubschrauber, sie platzen wie Feuerwerkskörper, allerdings warten dann – anders als bei den kleinen Schweizerkrachern aus dem Volk – gleich „neue berufliche Herausforderungen“ auf sie. In ihrem Fall bedeutet „Herausforderung“ nicht wie gewöhnlich „Schlamassel“, sondern „Top-Angebot“. Ach, der Stiefel glich dem Stiefel immer!

Die Italianisierung der österreichischen Politik und der geradezu metastasierende Bundeskanzlerverschleiß der Republik deprimieren mich derartig, dass ich mir die Frage stellen: Wozu brauche ich einen Kanzler? Ich brauche einen Hausarzt, einen Zahnarzt, einen Computerdoktor, einen Steuerberater, einen Verleger, ich habe seit zwanzig Jahren dieselben, ihre Pension fürchte ich schon heute. Aber einen Kanzler?

Wenn zum Beispiel die Geburt seines eigenen Kindes den Politiker lehrt, wie viel Schönes es außerhalb der Politik gibt – er Republik Republik sein lässt und sich ins Privatleben zum Wickeln zurückzieht, dann muss man ihm nachrufen: Jüngling, du bist zu früh in die Politik gegangen, viel zu früh! Erst die Fortpflanzung, dann die Staatsgeschäfte! Wenn dein Beispiel Schule machte, dann führte ein geburtenstarker Jungpolitikerkinderjahrgang in kürzester Zeit zu blanker Anarchie! Wie bei völlig missglückten Zirkusvorstellungen das Publikum müsste sich auch das Wahlvolk bei der Kasse anstellen und skandieren: „Geld zurück! Geld zurück!“

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