Neue OperGerd Kühr: Von der Sinnsuche und den "Paradiesen"

Für den seit langem in der Steiermark wirkenden Komponisten Gerd Kühr verwirklicht sich mit der Oper „Paradiese“ ein Lebenstraum. Am 9. Juli ist nun die Uraufführung an der Oper Leipzig.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
Der Komponist Gerd Kühr schrieb eine Oper für Leipzig. © Strobl/KUG
 

Was ist – aus Sicht des Komponisten – der besondere Reiz einer Oper?
GERD KÜHR: Die Vielschichtigkeit der Oper lässt viel an Differenzierungen zu und bildet damit auch die Vielschichtigkeit des Lebens ab, sodass diese Kunstform dem gerecht wird, was ich unter Lebendigkeit verstehe. Das inkludiert selbstverständlich auch die Reibungen. Oper verbindet unterschiedliche Kunstformen. Das ist ungemein inspirierend, und zwar nicht nur für diejenigen Personen, die gerade an einem Projekt arbeiten, sondern auch für das Publikum, das dann mit dem Ergebnis dieser Arbeit konfrontiert wird.

Ihr Librettist ist der renommierte Autor Hans-Ulrich Treichel. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Wir kennen einander schon sehr lange, zirka seit 1984. Uns verbindet eine jahrzehntelange Freundschaft. Wir waren beide künstlerische Partner von Hans Werner Henze. Und schon sehr früh entstand der Wunsch, etwas gemeinsam zu machen. Mit dieser Oper verwirklicht sich für uns wirklich ein Lebenstraum.

Wie sind Sie auf das Sujet und den Titel „Paradiese“ gekommen?
Die Überlegungen zur Arbeit an einer neuen Oper gehen zurück ins Jahr 2005. Damals war für mich meine inzwischen verstorbene Frau (Petra Ernst-Kühr, Anm.), die selbst Literaturwissenschaftlerin war, eine wichtige Diskussionspartnerin bei der Frage nach einem geeigneten Sujet. Ihr ist die Oper „Paradiese“ gewidmet. Erste Schlagworte waren: Gleichzeitigkeit und Differenz. Nähe und Distanz. Beziehungslosigkeit. Anhand von Lebensläufen wollte ich den Prozess des Suchens, des Bedürfnisses nach Orientierung und Sinn aufzeigen. Darüber hinaus war es mir wichtig, die unterschiedlichen Lebensentwürfe der einzelnen Stadien anhand eines konkreten Ortes darzustellen. Mir war dabei von Anfang an klar, dass die Oper in Berlin spielt. Für die Titelfindung haben wir unwahrscheinlich lange gebraucht. Als Uli dann irgendwann den Titel „Paradiese“ in den Raum geworfen hat, habe ich sofort das Gefühl gehabt, dass es das trifft. Denn es kann nichts anderes sein als ein Paradies, wenn man glaubt, den vermeintlichen Sinn gefunden zu haben.

Was lässt sich zu Inhalt und Form der Oper sagen?
Ich hatte für „Paradiese“ vier Situationen im Kopf, Treichel hat diese dann zugespitzt auf vier Frauenfiguren, die mit dem Hauptcharakter Albert, der aus der ostwestfälischen Provinz nach Berlin flüchtet, in Beziehung treten. Für mich waren „Paradiese“ die Studentenzeit, das Preußische Arkadien, das Theater und ein Alltagsidyll. Treichel hat im ersten Akt eine zeitgeschichtliche Collage gestaltet, die in der Zeit der Studentenrevolte spielt. Der zweite Akt ist eine Pastorale, die in die Zeit um 1800 führt. Oper ist ja glücklicherweise keiner Logik verpflichtet. Der dritte Akt ist eine Konfrontation Alberts mit dem Theater und dem Mythos, der vierte Akt ist eine Art Zeitstück und spielt im Jahr 1990 in einer Dreizimmerwohnung in Prenzlauer Berg. Albert steht zudem für jemanden, der ein kollektives Erinnern, ein kollektives Vergessen hat; das Individuum der Figur steht dabei nicht im Vordergrund.

Wie ist die musikalische Sprache dieser Oper?
Ich nähere mich über das Sujet, über den Stoff. Wie wirkt das auf mich? Im Fall von „Paradiese“ wird dieser Prozess besonders augenfällig: Die Musik ist hier für mich etwas, was nicht von Anfang an da ist. Die Musik kommt erst nach und nach ins Stück hinein. Sie entsteht erst über das Sprechen, das Rezitieren, über Parolen und so weiter. Und am Ende des Stückes klingt das in ähnlicher Weise wieder aus. Die Musik verabschiedet sich wieder, nicht im Sinne eines Zweifels, sondern im Sinne eines dezenten Rückzugs.

Gibt es so etwas wie eine Kernbotschaft?
Es gibt ein Zitat aus der Bibel, aus dem Buch Hiob, das Albert beim Psychoanalytiker an der Wand liest. Er ärgert sich darüber, weil es dort auf Hebräisch steht und er es daher nicht versteht. Es lautet: „Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, fliegt wie ein Schatten und bleibt nicht“.

Wird sich dieses Gefühl der Unruhe einmal legen?
Wir haben hin und wieder Pausen, wo wir nicht in der Unruhe sein müssen, wo wir in Ruhe nacharbeiten oder das ausdampfen lassen können, was wir vorher erlebt, gesehen oder gehört haben. Das führte uns auch zu der Entscheidung, bei dieser Oper doch eine Pause zu machen.

Und erfährt das Publikum die Übersetzung des Hiob-Zitats?
Ja, für den Opernbesucher wird das Rätsel natürlich gelöst.

Zur Person und Werk

Gerd Kühr, geboren am 28. 12. 1952 in Maria Luggau, Kärnten.
Studium bei Sergiu Celibidache, Josef Friedrich Doppelbauer und Hans Werner Henze. Auftragswerke für Wien Modern, steirischer herbst, Bregenzer Festspiele u. a.
Opern: „Stallerhof“ (1986/87),
„Tod und Teufel“ (1997/99).
www.gerd-kuehr.at

„Paradiese“ von Gerd Kühr. Text von Hans-Ulrich Treichel. Kompositionsauftrag der Oper Leipzig.
Musikalische Leitung: Ulf Schirmer. Inszenierung: Barbara Horáková Joy. Uraufführung: 9. Juli, 19.30 Uhr, Opernhaus Leipzig. Weitere Termine: 10. Juli, 19 Uhr, und 11. Juli, 18 Uhr.
www.oper-leipzig.de

Diskutieren Sie mit - posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung!