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Stillstand im TheaterBurgtheaterdirektor Martin Kušej: "An Theaterarbeit, wie ich sie verstehe, ist nicht zu denken"

"Es geht fast gar nichts", sagt Burgtheaterdirektor Martin Kušej über die aktuelle Situation für Theater. Proben im Juni seien nicht möglich, der Saisonstart dürfte nach hinten verschoben werden.

Burgtheaterdirektor Martin Kusej
Burgtheaterdirektor Martin Kušej © (c) APA/HANS KLAUS TECHT
 

Die Theatersaison ist in Österreich Anfang März zu Ende gegangen. Am Freitag gab die Regierung Bedingungen bekannt, unter denen die Bühnen die nächste Saison vorbereiten können. Burgtheaterdirektor Martin Kušej lässt im APA-Interview kein gutes Haar an den Vorgaben: "An Theaterarbeit, wie ich sie verstehe, ist nicht zu denken." Unter diesen Auflagen zu arbeiten sei eigentlich "völlig plemplem!"

Herr Kušej, hat die jüngste Pressekonferenz von Vizekanzler Kogler und Staatssekretärin Lunacek für das Burgtheater die erhoffte Planungssicherheit gebracht?
Martin Kušej: Nein. Ich verstehe, dass auch die Politik die weitere Entwicklung nicht vorhersehen kann. Und es ist klar, dass der Gesundheit anderes untergeordnet werden muss. Aber bei diesen Rahmenbedingungen für die Theaterarbeit von einem Ermöglichen zu sprechen, ist für mich unverständlich. Mich als Regisseur haben diese Verlautbarungen der Pressekonferenz erst einmal in ein richtiges Loch gerissen. Denn bei genauerem Betrachten heißt das: Es geht fast gar nichts! An Theaterarbeit, wie ich sie verstehe, ist nicht zu denken. Ich war in den letzten Tagen viel im Austausch mit Theaterkolleginnen und -kollegen, die das nicht anders sehen als ich. Mich haben auch verzweifelte und empörte Stimmen erreicht.

Einzelproben bereits im Mai, größere Proben im Juni - gleichzeitig aber Gewährleistung von Sicherheitsabständen und 20 Quadratmetern Raum pro Mitwirkender: Lässt sich unter solchen Bedingungen ein Probenbetrieb aufnehmen?
Kušej: Wir können die Zeit nutzen, um Bauproben nachzuholen und mit Leseproben zu beginnen. Solche Proben sind in der ersten Probenphase sinnvoll - aber damit überbrücken wir im Burgtheater gerade mal ein, zwei Wochen. Ich möchte aber in erster Linie als Theatermacher und Künstler sagen, dass die Situation jenseits des "Machbaren" und irgendwie "Organisierbaren" für mich an die Substanz geht. Die Begegnung mit anderen Menschen ist in unserer Kunst essenziell. Sowohl in der gemeinsamen Erarbeitung, als auch in der Präsentation. In einem freien, kreativen Prozess kann es keine Limits geben - man schneidet an der Seele unseres Schaffens herum, wenn man auf der Bühne "Sicherheitsabstand" verordnet. Das ist für mich wirklich irritierend und frustrierend. Ich möchte keinesfalls jammern! Aber ich versuche mit meinem Hausverstand und meiner Erfahrung darauf hinzuweisen, dass man nicht alles einfach über Bord werfen kann, was verschiedene Berufe ausmacht.

Falls derartige Bestimmungen auch für Herbst gelten sollen: Lassen sich damit kompatible Vorstellungen überhaupt denken? Wird sich eine Corona-Theaterästhetik herausbilden (müssen)? Oder lässt man es dann lieber gleich ganz?
Kušej: Ganz ehrlich: Um Theaterschaffen wieder zu ermöglichen, müssen nötige Auflagen mit dem Kern der Theaterarbeit kompatibel sein. Wenn das in der jetzigen Situation nicht verantwortbar ist, dann muss man das klar aussprechen. Und wenn das bedeutet, dass bis zum Jahreswechsel gar nichts geht, dann werden wir damit umgehen. Aktuell passen wir von Pressekonferenz zu Pressekonferenz unsere Proben- und Spielpläne auf neue Situationen an - im Falle eines großen Hauses wie dem Burgtheater sind das immer hunderte Künstler, deren Verfügbarkeit neu abgefragt werden muss. Und ja - genauso fast verzweifelt - denken wir darüber nach, wie im Herbst Inszenierungen mit den bestehenden Corona-Auflagen aussehen könnten. Das wäre ungewöhnlich und eine völlig andere Form von Theater. Und eigentlich ist es völlig plemplem! Aber wir haben einen Kulturauftrag, dem wir nachkommen wollen. Unter den aktuellen Auflagen, wird das allerdings schwierig, ohne die Substanz des Theaters anzugreifen.

Und welche Restriktionen lassen sich auf Zuschauerseite denken? Ist etwa eine behördliche Beschränkung der Sitzplatzkapazitäten durchführbar, oder ist ein Spielbetrieb etwa im Kasino, im Vestibül oder im Akademietheater für nur noch halb so viele Zuschauer - etwa mit jeweils einem freien Platz dazwischen - nicht denkbar?
Kušej: Natürlich ist vieles denkbar - wenn es behördliche Vorgaben gibt, werden wir sie umsetzen.

APA: Wie lässt sich in der derzeitigen Situation ein Spielplan für 2020/21 erstellen? Kann man etwa darauf Rücksicht nehmen, dass gegen Anfang der Saison weniger personalintensive Stücke angesetzt werden?
Kušej: Die Planung für 2020/21 steht bereits, wir haben feste Verabredungen mit Künstlerinnen und Künstlern getroffen, uns über Stücke, Konzeptionen und Produktionszeiträume verständigt. Natürlich scheinen aus der jetzigen Perspektive die Chancen einer Realisierung für kleinere Besetzungen höher zu sein als für große Ensembleinszenierungen. Aber das ebenfalls nur, wenn Vorproben ab Mitte August unter anderen, sinnvollen Bedingungen stattfinden können. Und wir wollen uns doch auch nicht wirklich vorstellen, unsere geplanten Projekte alle durch Monologe ersetzen zu müssen!

Lässt sich schon absehen, welche in diesem Frühjahr abgesagte Produktionen nachgeholt werden können und welche ganz ausfallen müssen?
Kušej: Vor diesem Hintergrund nein. Wir sind mit allen Teams über Nachholoptionen im Gespräch, aber es sind zahlreiche Bälle, die wir derzeit nur in der Luft halten. Wir hatten gehofft, im Juni Proben fortsetzen oder beginnen zu können. Das ist nun nicht möglich. Vielleicht müssen wir den Saisonstart nach hinten verschieben, das Stochern im Nebel geht weiter.

Soll, kann, wird die jetzige gesellschaftliche Verwerfung im Zusammenhang mit Corona inhaltliche Auswirkungen auf den Spielplan haben?
Kušej: Selbstverständlich! Sicherlich werden Themenfelder wie Freiheit - Grenzen, Nähe - Distanz, Solidarität - Egoismus stärker herausgearbeitet werden. Menschliche Gefühle wie Unsicherheit und Angst rücken in den Fokus. Und wenn die Beschränkungen weiter andauern, wird das, wie gesagt, auch konzeptionell-ästhetisch sichtbar werden.

Wann und wie wird das Burgtheater voraussichtlich seinen Spielplan vorstellen?
Kušej: Wir wollen trotz allem daran festhalten, unsere Pläne für 2020/21 Ende Mai vorzustellen. Dass diese auch in den kommenden Monaten immer wieder durchkreuzt werden können, muss uns allen bewusst sein. Hier bitten wir um Verständnis. Es hilft auch nicht über Quarantäne für die Beteiligten eines Probenprozesses nachzudenken. Wir Theaterleute sind über unsere Familien etc. natürlich mit dem Rest der Gesellschaft verbunden. Eine Erkältung, mit der unsere Ensemblemitglieder bisher trotzdem aufgetreten sind, wird zu Vorstellungsänderungen oder Premierenverschiebungen führen, bis zu einem Testergebnis vielleicht sogar die Schließung des Betriebs nach sich ziehen.

Traditionell braucht es im September immer eine gewisse Zeit, bis das Publikum wieder in die Theater strömt. Ist auch unter diesem Gesichtspunkt ein späterer Saisonbeginn Teil der jetzigen Überlegungen?
Kušej: Die Reaktion der Zuschauerinnen und Zuschauer ist schwer einzuschätzen. Einige werden vorsichtig sein, wiederum andere schreiben uns, dass sie die Wiederaufnahme des Spielbetriebs kaum erwarten können. Wenn wir wieder spielen dürfen, werden wir alle möglichen Vorkehrungen für die Gesundheit unseres Publikums treffen.

Last but not least: Kommt "Maria Stuart" wie vorgesehen, auch wenn die Salzburger Festspiele heuer abgesagt werden müssten?
Kušej: Aus allen meinen Ausführungen werden Sie unschwer herauslesen können, dass an diese Kooperation mit Salzburg unter den aktuellen Auflagen zu meinem größten Bedauern derzeit nicht zu denken ist. Alles Weitere wird die Zukunft weisen!

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