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APA-Serie 100 Jahre Salzburger FestspieleGroßmeister der Regie

Zehn Inszenierungen, die in ihrer Zeit Maßstäbe gesetzt haben.

Romeo Castellucci inszenierte 2010 die "Salome" von Richard Strauss, mit der grandiosen asmik Grigorian in der Hauptrolle © APA/BARBARA GINDL
 

Oftmals gelingen bei Festspielen gute Aufführungen. Aber nur selten schaffen es einzelne Inszenierungen, über einen gelungen Abend hinaus zur Legende zu werden - sei es dank eines herausragenden Teams, der historischen Bedeutung oder schlicht dank jener Magie des Moments, die letztlich unerklärbar bleibt. Im Folgenden ein Blick auf zehn legendäre Inszenierungen bei den Salzburger Festspielen:

20. AUGUST 1920 - MAX REINHARDTS "JEDERMANN"

Obwohl nicht in Salzburg uraufgeführt, ist das Stück, das die Geburtsstunde der Salzburger Festspiele markiert, gleichzeitig zu ihrem Synonym geworden: Hugo von Hofmannsthals "Jedermann". Mehr Zufall, als Absicht: "Der 'Jedermann' ist ja nur gespielt worden, weil der Max Mell damals nicht fertig geworden ist mit einem Auftragswerks, einer Umarbeitung eines Weihnachts-, eines Mysterienspiels...", formuliert es der Historiker Robert Kriechbaumer. Und auch der Domplatz wurde als Aufführungsort erst Thema, als das Material für ein Bühnenbild in der Felsenreitschule nicht aufzutreiben war. Nur einen Monat vor Beginn der Vorstellungen ersuchte Max Reinhardt den Erzbischof, das Geviert vor dem Dom bespielen und "die Glocken, Orgelspiel und die Domfassade dramaturgisch" einbinden zu dürfen. Das Zusammenspiel aus Wetter, Kirchenglocken, Domorgel, Rufen von Berg, Friedhof und Turm mit dem Spiel um die Läuterung des reichen Mannes wurde ein Riesenerfolg und bildet bis heute das Zentrum jeder Aufführung. Über Jahrzehnte wurde Reinhardts Inszenierung, deren Regiebuch heuer in einer faksimilierten und kommentierten Edition erscheint, sorgsam bewahrt und gepflegt. Und bei allen szenischen Modernisierungen: Radikale Neuinterpretationen hat hier noch niemand gewagt.

14. AUGUST 1933 - MAX REINHARDTS "FAUST"

Es war eine dramatische Zeit. In Deutschland hatten die Nationalsozialisten die Macht übernommen, auch in Österreich war die Spannung greifbar. Der Künstler-Exodus hatte voll eingesetzt. Und in Salzburg machte ein spektakuläres Projekt Sensation: der erste Teil von Goethes "Faust" als Raumtheatererlebnis. Denn nicht die eindrucksvolle Besetzung mit Ewald Balser als Faust, Paula Wessely als Gretchen und Max Pallenberg als Mephisto, und nicht die Inszenierung Max Reinhardts, sondern das Simultan-Bühnenbild von Clemens Holzmeister in der (damals noch unüberdachten) Felsenreitschule ging in die Geschichte ein. Die "Faust-Stadt" wurde legendär. Erst viel später wird man auf einen weiteren Umstand aufmerksam: Als Dirigent der Bühnenmusik hat Herbert von Karajan ausgerechnet hier seinen Festspieleinstand gegeben. Bis 1937 war dieser "Faust" fixer Bestandteil der Festspiele, die Nazis setzen ihn sofort ab.

29. JULI 1935 - GUIDO SALVINIS "FALSTAFF"

Es war der Beginn einer neuen Ära für die Salzburger Festspiele, als Impresario Max Reinhardt 1935 den italienischen Regisseur Guido Salvini aus Florenz an die Salzach holte, um hier erstmals Verdis letzte Oper "Falstaff" aufwendig zu inszenieren. Gemeinsam mit dem Dirigat seines Landsmannes Arturo Toscanini, der zu dieser Zeit gemeinsam mit Bruno Walter die Festspiele prägte, gelang beinahe ein Tabubruch mit dem Griff zum Italiener Verdi. Salzburg wurde damit jedoch als Gegen-Bayreuth etabliert und das Werk ein durchschlagender Erfolg, der bis einschließlich 1939 bei den Festspielen gespielt wurde. Die kurze, aber prägende Ära Toscanini bei den Festspielen war gestartet.

28. JULI 1948 - OSCAR FRITZ SCHUHS "ORFEO ED EURIDICE"

Noch ist der Weltkrieg nicht weit, als 1948 die Salzburger Festspiele zwei Ikonen des Festivals aus der Taufe heben: Herbert von Karajan und die Felsenreitschule. Während der legendäre Wilhelm Furtwängler im Festspielhaus einen "Fidelio" dirigiert, ist es der junge Konkurrent Karajan, der mit Christoph Willibald Glucks "Orfeo ed Euridice" das erste Mal in der archaisch anmutenden Spielstätte eine Oper zur Aufführung bringt. Oscar Fritz Schuh inszeniert die Reformoper - und damit jener Theatermacher, der in den Nachkriegsjahren eine Salzburger Dramaturgie entwarf und bis 1970 für 30 Inszenierungen bei den Festspielen verantwortlich zeichnen sollte, oftmals im Duett mit Bühnenbildner Caspar Neher - wie auch beim "Orfeo". Die Felsenreitschule war mit dem Jahr 1948 auch nicht zuletzt dank ihres Einsatzes als Opernspielort etabliert.

13. und 14. AUGUST 1973 - GIORGIO STREHLERS "SPIEL DER MÄCHTIGEN"

Nicht nur Hauptdarsteller Michael Heltau schwärmte noch jahrzehntelang davon: Giorgio Strehler inszenierte Shakespeares Mammut-Trilogie "Heinrich VI" an zwei aufeinanderfolgenden, vielstündigen Abenden mit an die 150 Mitwirkenden (darunter Will Quadflieg) in der Felsenreitschule. "Schauspiel-Unternehmen von solchem Höhenflug hat es seit Max Reinhardts Gründerzeit in Salzburg nicht gegeben; das Sprechtheater spielte da immer bloß den armen Hintersassen eines Festivals, das lieber mit der Oper praßt. Reinhardt redivivus?", meldete "Der Spiegel". Tatsächlich hatte Strehler als Bub Reinhardt beim Inszenieren zugeschaut - und wollte als Regiezampano an der Seite Herbert von Karajans in Salzburg dessen Erbe antreten. Daraus wurde nichts. Strehler, der 1973 die Festspielrede zum Thema "Max Reinhardt und heute" hielt, zerstritt sich bereits 1974 nach einer von ihm inszenierten und von Karajan dirigierten "Zauberflöte" mit dem Salzburger Alleinherrscher. Ein Bleibendes hatte "Das Spiel der Mächtigen" - neben dem Eintrag in die Theatergeschichtsbücher - dennoch für Strehler: Bei den Proben lernte er Andrea Jonasson kennen, die er als Königin Margaretha besetzt hatte, und die seine persönliche Herzkönigin werden sollte.

26. JULI 1992 - PETER STEINS "JULIUS CAESAR"

1991 bis 1997 war Stein Schauspielchef der Salzburger Festspiele - eine glanzvolle, doch nicht unumstrittene Zeit, in der mehr als üblich auch über das Sprechtheater an der Salzach diskutiert wurde. Die Salzburger Dramaturgie des legendären Schaubühnen-Leiters sah u.a. die Verwendung der Felsenreitschule für exemplarische Schauspiel-Großproduktionen vor. Bei der Eröffnung mit Shakespeares "Julius Caesar" (dem ein nicht minder monumentaler "Antonius und Cleopatra" folgen sollte) schlüpfte die Elite des deutschsprachigen Theaters in Toga und Sandalen - darunter Martin Benrath als Caesar und Gert Voss als Marc Anton. Thomas Holtzmann gab den Brutus, Hans-Michael Rehberg den Cassius, Elisabeth Orth die Portia. Eine zwingende Wiederbelebung des Genres Römerdrama blieb jedoch aus. Die Kritiken waren höflich bis spöttisch, der Anspruch blieb jedoch respekteinflößend: Salzburg als Ort für das Unvergleichliche.

25. JULI 1999 - LUC PERCEVALS "SCHLACHTEN!"

Die Etablierung der ehemaligen Sudhalle der Halleiner Salinen auf der Perner-Insel inmitten der Salzach im Jahr 1992 ist das wohl bleibendste Erbe Peter Steins in Salzburg. Doch erst unter seinem Nach-Nachfolger Frank Baumbauer wurde der einmalige Spielort wirklich ausgereizt: Die deutschsprachige Version von "Ten Oorlog", der 1997 in Gent uraufgeführten flämischen Bearbeitung der Rosenkriege von William Shakespeare durch Tom Lanoye und Luk Perceval, wurde in Hallein als zwölfstündiger Theatermarathon namens "Schlachten!" zum Theaterereignis, das auch zur Inszenierung des Jahres gewählt wurde. Das furiose Kaleidoskop aus Machtmissbrauch, Sex und Gewalt wurde für Ensemble und Zuschauer zu Belastungsprobe und Beglückung gleichermaßen - inklusive eines einstündigen Schlussmonologs von Thomas Thieme als "Dirty Rich Modderfocker der Dritte".

27. JULI 2002 - Martin Kušejs "DON GIOVANNI"

Es war ein großer Einstand, der Neo-Intendant Peter Ruzicka 2002 mit der ersten Opernpremiere unter seiner Ägide gelang: Nicht unumstritten, aber doch bezwingend gelang es damals Martin Kušej, für Mozarts "Don Giovanni" zwar nicht die Konventionen gänzlich zu brechen, aber doch die Geschichte um den notorischen Schwerenöter ganz heutig zu erzählen, indem er auf eine Kunst- und Werbeästhetik setzte. Dominiert wurde die Bühne von der blendend weißen Drehkonstruktion Martin Zehetgrubers, über die Mädchen in Unterwäsche schwebten, während Don Giovanni am Ende nicht vom Komtur in die Unterwelt entführt, sondern von Leporello erstochen wird. Zugleich lebte der Abend auch von einer kongenialen Besetzung, zu der nicht nur Titelheld Thomas Hampson, Michael Schade als Don Ottavio, Luca Pisaroni als Masetto und Magdalena Kozena als Zerlina gehörten, sondern vor allem auch die junge Anna Netrebko, die als Donna Anna ihren Durchbruch feierte.

27. JULI 2017 - PETER SELLARS' "LA CLEMENZA DI TITO"

Wie Peter Ruzicka gelang auch Markus Hinterhäuser mit der ersten Opernpremiere seiner Intendanz 2017 ein durchschlagender Erfolg: Mozarts "Clemenza di Tito" wurde in der Interpretation des Duos Teodor Currentzis am Pult und Peter Sellars im Regiesessel zu einem Erlebnis für die Zuschauer, das weit über die eigentliche Oper selbst hinauswies. Durch musikalische wie szenische Erweiterungen, vor allem um Chöre aus Mozarts c-moll-Messe und um eine kraftvolle heutige Bildsprache, erzählten sie eine große Parabel von Gewalt und Vergebung. Weniger wurde hier Mozart gedeutet, denn Mozart als Deuter für eine Gegenwart herangezogen, in der Geflüchtete und Sprengstoffattentäter ihren Part spielen, ohne konkret ins Heute zu verweisen - Qualitäten, die Currentzis/Sellars dann 2019 mit ihrem Klima-"Idomeneo" nicht erneut einlösen konnten.

28. JULI 2018 - ROMEO CASTELLUCCIS "SALOME"

Die Arbeiten des Regiemystikers Romeo Castellucci gelingen nicht immer. Bisweilen erstarren sie auch zu Tableaux vivants. Wenn sie jedoch aufgehen, entfalten sie einen beinahe archaischen Zauber - so bei Richard Strauss' überhitzter "Salome" in der Felsenreitschule 2018. Der italienische Theatermacher, der als Universalkünstler wie immer auch für Bühne, Kostüme und Licht zugleich verantwortlich zeichnete, schaffte eine auf die Blickachsen des Begehrens fokussierte Inszenierung, in der das Unbewusste, der psychoanalytische Symbolismus überwogen und die geschlossenen Arkaden der Felsenreitschule trotz des Riesenraums eine klaustrophobische Atmosphäre erzeugten. Dass diese Regieinstallation aber auch über derlei Qualitäten hinaus verwies und die Einsamkeit einer Frau in den Mittelpunkt rückte, war Titeldarstellerin Asmik Grigorian zu verdanken, die in der Partie den angekündigten Durchbruch feierte.

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