Wollte man die Worthäufigkeit in „Ritter, Dene, Voss“ nachzählen, ein Begriff stünde wohl unangefochten an der Spitze: „Hass“ mit allen seinen Derivaten. Was man doch alles damit überziehen kann: die Familie, das Land, die Ärzte, die Kunst, das Theater… Es ist Thomas Bernhards Abscheuregister, das aus dem Mund Ludwigs mehr spricht als der Philosoph Wittgenstein, auf dessen Vita das Stück anspielt. Man muss das melodiöse Wüten des Übertreibungskünstlers Bernhard mögen, um den fast drei Stunden langen Abend in der Josefstadt zu genießen.
Johannes Krisch gupft noch etwas was drauf auf die Suada des psychisch beeinträchtigten Philosophen. Nervös mahlen seine wuchtigen Unterkiefer, bedrohlich rollen die Augen. Lauernd sitzt er auf der Sesselkante, um seinen Schwestern, gespielt von Sandra Cervik und Maria Köstlinger, ins Gesicht zu springen, wenn sie Widerspruch wagen oder die zwanghafte Ordnung in seinem Inneren zu gefährden drohen.

Ihre namensgebenden Vorbilder aus der Uraufführung, Kirsten Dene und Ilse Ritter, hängen gemeinsam mit Gert Voss in Öl an den Wänden des Wohnzimmers. Den Konflikt in der Familie Wittgenstein, die im Stück Worringer heißt, überträgt Regisseur Peter Wittenberg auf konkurrierende Schauspielergenerationen. Bühnenbildner Florian Parbs betont diese Historisierung noch mit Anspielungen auf die Uraufführungskulisse. Ein Museumswärter bewacht die Szenerie, damit auch ganz klar ist: Wir sehen ein 36 Jahre altes Stück.

Es geht viel Porzellan zu Bruch an diesem Abend, der schon in einem Kreis zerborstenen Geschirrs begann. Am Ende bleibt die Frage, ob Krisch Thomas Bernhards Verbalexzessen durch Übersteigerung ins Groteske einen Dienst erweist, oder ob die Überdosis nicht die Wirkung abschwächt. Die psychologische Feinzeichnung der Darstellerinnen und auch der Bühnenberserker Krisch begeisterten jedenfalls die Premierengäste.

„Ritter, Dene, Voss“: 12. bis 14. 12.; 2., 7., 8. und 25. bis 27. 1., Theater in der Josefstadt, Wien. Karten: Tel. (01) 42700-300. www.josefstadt.org