Nachtkritik aus Salzburg"Das Bergwerk zu Falun" bei den Festspielen: Das Leben ist eine Baustelle

Die Salzburger Festspiele zeigen ihrem Mitbegründer Hofmannsthal zu Ehren sein frühes Drama "Das Bergwerk zu Falun". Das erweist sich auch in Jossi Wielers kundiger Regie nicht gerade als Jahrhundertwerk.

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SALZBURGER FESTSPIELE 2021: FOTOPROBE ' DAS BERGWERK ZU FALUN'
Baustelle: Lea Ruckpaul, Marcel Kohler und Hildegard Schmahl in "Das Bergwerk von Falun" von Hugo von Hofmannsthal © APA/BARBARA GINDL
 

Im Jahr 1677, so geht die Kunde, verschwand der schwedische Bergmann Fet Mats Israelsson kurz vor seiner Hochzeit in der Kupfermine von Falun. 1719 wurde sein im Vitriol konservierter Leichnam ausgegraben – und von der Braut, die er 42 Jahre zuvor unter den Lebenden zurückgelassen hatte, identifiziert. Die Geschichte hat etliche Dichter inspiriert, darunter Johann Peter Hebel, E.T.A. Hoffmann, Friedrich Rückert, Georg Trakl - und auch Hugo von Hofmannsthal. Der rang 1899, als 25-Jähriger, längere Zeit mit dem Drama, dem er den Titel „Das Bergwerk zu Falun“ gab. Aber erst 1949, 20 Jahre nach dem Tod des Autors, wurde das Werk uraufgeführt, das er vielfach umgeschrieben und letztlich weggelegt hatte.

2020 sollte das Stück dann - zum 100-Jahr-Jubiläum der Salzburger Festspiele und ihrem Mitbegründer Hofmannsthal zu Ehren - an der Salzach gezeigt werden. Pandemiehalber kam es nun erst dieses Jahr dazu. Der Schweizer Regisseur Jossi Wieler, bekannt für feinnervige Textarbeit etwa an den Stücken von Elfriede Jelinek, hat diese exquisite Inszenierung besorgt. Hier ist das Leben eine Baustelle: Auf einer Halde aus Hohlziegeln, die auf der dusteren Drehbühne des Landestheaters immer wieder zu Mauern aufgetürmt und umgeworfen werden (Bühne: Muriel Gerstner), erzählt er in den schmalen Lichtkegeln von Annette ter Meulen und mithilfe von sechs Schauspielerinnen und Schauspielern die Geschichte des Matrosen Elis, der auf See  seinen Geliebten Agmahd und dann auch noch Vater und Mutter verliert und der sich daraufhin, von Trauer und Weltekel überwältigt, vom 200 Jahre alten Gespenst eines Bergmanns zur Arbeit in die Minen locken lässt. Dort verspricht ihm die Bergkönigin, er könne in ihrem Reich der Welt und dem Lauf der Zeit entkommen. Oberirdisch aber verliebt er sich in die lebensfrohe junge Anna, und erst am Hochzeitstag der beiden wird dieser Konflikt von Eros und Thanatos kulminieren.

 „Wir gehen alle als Gespenster herum und wollen jemand andrem ähnlich sein, der wir nicht sind, so wie wir das Lebe mit Sinn und Inhalt füllen wollen, den es nicht braucht“, schreibt Elfriede Jelinek in einem Originalbeitrag für das Programmheft über das Stück. Tatsächlich hat Hofmannsthal in „Das Bergwerk zu Falun“ der historischen Schaueranekdote einen so lyrischen wie symbolsatten Überbau verpasst, der sich bei Freud und bei Nietzsche bedient der mit den Mitteln der Fantastik die Lust zum Tode beschwört. Ober- und Unterwelt, Liebe und Tod, Offenbarung und Geheimnis: Wieler gibt dem Element des Wilden, Unheimlichen, Unbeherrschbaren auf der Bühne Raum und den Schauspielern den Atem, den es braucht, diesen Raum zu füllen: Marcel Kohler als Elis, der in einer eindrucksvoll zurückhaltenden Performance das Ende der Vergänglichkeit, oder auch nur: das Ende herbeisehnt. Lea Ruckpaul, die als Anna an ihrer Liebe und Weltzugewandtheit ganz leise und herzzerreißend zerschellen wird. Rund um sie agieren Kaliber wie Hildegard Schmahl, André Jung, Edmund Telgenkämper, Sylvana Krappatsch.

122 Jahre nach seiner Entstehung, 72 Jahre nach seiner Uraufführung, und nicht zu vergessen im 101. Jahr nach Gründung der Festspiele macht das aus „Das Bergwerk zu Falun“ zwar noch immer keine dramatische Offenbarung, kein Jahrhundertwerk. Dafür hat der Autor die die wilde Fahrt durchs Un- und Unterbewusste, durch Mythen und Vexierbilder, Auslöschung und Begierde zu breitspurig angelegt. Knapp zwei Stunden fesselndes Theater aber sind es hier allemal.

Das Bergwerk zu Falun. Von Hugo von Hofmannsthal. Salzburger Festspiele. Inszenierung: Jossi Wieler. Bühne: Muriel Gerstner. Kostüme: Anna Rabes. Musik: Lars Wittershagen. Licht: Annette ter Meulen. Dramaturgie: Marion Tiedtke. Salzburger Landestheater. Termine: 9., 11., 13., 17., 19., 21. August. Info & Tickets: www.salzburgerfestspiele.at

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