Ring AwardJunges Musiktheater schlägt neue Haken

Das Finale des Ring Award für Opernregie und Bühnengestaltung in Graz demonstrierte, dass die kanonischen Werke wie Mozarts "Don Giovanni" noch lang nicht auserzählt sind.

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Bild von der siegreichen Inszenierung © Susanne Hassler-Smith
 

Kann man Musiktheater überhaupt noch einmal neu denken? Ist denn nicht gerade Mozarts „Don Giovanni“ längst auserzählt? Derlei Einwände machte der 9. Internationale Ring Award zunichte. Es ist schlechterdings erstaunlich, wie das Musiktheater derzeit offenbar wieder einen kreativen Haken in eine neue Richtung schlägt. Postdramatik und Dekonstruktion sind nun endgültig angekommen, wie die Arbeiten der drei jungen Finalteams unter Beweis stellten. In wesentlichen Punkten ähnelten deren Interpretationen der letzten drei Szenen der Oper. Erstens lösten die jungen Regisseurinnen und Regisseur nicht nur die übliche Musikabfolge auf, sie wurde auch durch lange stumme Szenen durchbrochen. Noch wesentlicher aber war die zu beobachtende Entgrenzung der Figuren, die ineinander verschwimmen und zusammenfließen, die Dekonstruktion ihrer Identitäten. Und das nicht nur bei dem Duo aus Herren und Diener Giovanni/Leporello, das ja schon früher als spiegelbildlich gedeutet worden ist.

Beim deutsch-griechischen Siegerteam Anika Rutkofsky/Eleni Konstantatou/Johanna Danhauser wird Giovannis Ende zum feministischen Strafgericht, das keinen rächenden Komtur benötigt. Die von Giovanni beleidigten, ausgenutzten und hintergangenen Frauen erledigen das schon in Eigenregie. Der Verführer verwandelt sich selbst zum steinernen Gast, wenn bei der Höllenfahrt in einer Art Kunstakademie (auch eine Art Friedhof gewissermaßen) zugegipst wird. Er ist ein Artefakt, das historisch ausgedient hat. Damit entsprachen Rutkofsky und ihre beiden Kolleginnen viel stärker den Intentionen von Mozarts Stück, als das polnisch-litauische Team Krystian Lada/Dizis Jaunzems/Natalia Kitamikado. Dieses hatte eine hinreißende radikale Sichtweise vorgelegt, die die Individualität komplett auseinandernahm. Es zeigte eine bürgerliche Gesellschaft, die im Salon eingeschlossen ist und ihrem Ende entgegenstöhnt und singt, ächzt und grunzt. Die Anleihen an Jean-Paul Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ und Luis Bunuels „Der Würgeengel“ sind überdeutlich. Diese atavistischen Grausamkeiten, die De-Zivilisierung des Bürgertums war zwar szenisch spannend umgesetzt, aber sie laufen dem Inhalt der Oper völlig zuwider. Dort geht es um den genau umgekehrten Prozess: um Verbürgerlichung, um Aufklärung und eine neue Moral.

Die Arbeit des dritten Teams Alicia Geugelin/Christin Schumann/Pia Preuß/Elise Schobeß aus Deutschland fiel dagegen ab. Nach einem interessanten Beginn und einigen aparten szenischen Lösungen verlor man sich in den Konventionen. Dennoch: Insgesamt war in 25 Jahren Ring Award in Graz noch keiner der Finaljahrgänge so radikal im Umgang mit der Vorlage gewesen, die nun vollends als Material gesehen wird, das zu bearbeiten ist. Also dem, womit das Sprechtheater vor gut 50 Jahren begann.

Die Preisverleihung selbst war recht salomonisch: Weil neben dem Siegerteam die beiden anderen Preise des Landes Steiermark und der Stadt Graz erhielten, durften alle Teams inklusive Startgeld mit 9000 Euro nach Hause gehen. Sicher zurückkommen wird jedoch das Team Ratkovsky, das einen Inszenierungsauftrag auf einer der Spielorte der Bühnen Graz erhält.

Nach neun Bewerben macht nun der Motor des Ring Award, Heinz Weyringer, langsam Schluss. Die Zukunft des Bewerbs ist noch in Schwebe, Interessenten bzw. mögliche Mitveranstalter gibt es wohl in halb Europa. Demnächst soll geklärt werden, wie es mit dem Ring Award weitergehen soll. Dass dieser so einzigartige Bewerb nach einer Fortsetzung verlangt, dafür war das Wochenende im Grazer Schauspielhaus gewiss nochmals ein eindrucksvoller Beleg.

nachzuschauen sind die Aufführungen auf www.operavision.eu

Kommentare (1)
Lodengrün
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Verstehe

der Giovanni muss in Unterhosen gespielt werden. Befasst sich jemand mit dem Libretto liest er andere Szenen und Dinge. Warum muss man sich bei Profilierung von jungen Regisseuren der Musik von Mozart bedienen. Gebt doch Kompositionsaufträge. Die Gefahr das da niemand mehr hinkommt besteht. Fazit. Mozart macht die Musik.