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Lockdown-Ende am 19. MaiOIS OFFN! als Ode an die Magie des Theaters

Theater als andere und vielleicht bessere Welt: Stilgerecht begeht das Grazer Schauspielhaus das Ende des langen Kultur-Lockdowns am 19. Mai mit der Premiere von Sandy Lopičićs „OIS OFFN!“.

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OIS OFFN! Srah Sophia Meyer, deeLinde und Susanne Konstanze Weber in animierter musikalischer Aktion © Karelly Lamprecht
 

Das Schauspielhaus eröffnet mit Ihrem Projekt OIS OFFN! – der Dialekt-Titel lässt sowohl die Deutung „Alles offen“ als auch „Alles Affen“ zu. Wie ist er denn tatsächlich gemeint?
SANDY LOPICIC: Ich bevorzuge es in meinen Stücken den Zuschauer*innen eine eigene Interpretation zu ermöglichen bzw. zu überlassen. So auch hier bei der Wahl dieses Titels. Im besten Fall gibt es mehr als nur eine Deutungsmöglichkeit. Wenn man sich den Abend mit seinen Figuren anschaut, möchte man manchmal meinen, sie wären sogar Schafe, die nicht genau wissen, wie ihnen gerade geschieht. :)

Was erzählen Sie in „OIS OFFN!“?
Auch hier erlaubt die Erzählweise viele Deutungen. Ich wurde - gemeinsam mit dem Ensemble - gebeten, einen musikalischen Abend zu erschaffen, der unser aller Zustand aufgreift, aber möglichst ohne die Wörter Pandemie oder Lockdown vorkommen zu lassen. Also haben wir, mit Vibeke Andersen (Bühnenbild und Kostüme) einen Raum kreiert, der keinen Ausgang hat! Dafür aber ungeahnte Möglichkeiten bietet, die es mit ein wenig Fantasie zu entdecken gilt. Ein magischer Ort, wie es auch das Theater ist. Darin finden sich auf mysteriöse Weise, zwölf von Grund auf verschiedene Personen, die jedoch mit dem selben Problem konfrontiert sind – „no escape from reality“, wie Queen singen. Diese Menschen sind auch erstmal stumm, vielleicht vor Schrecken. Nach und nach entstehen Töne, Laute bis hin zur Musik. Sie beginnen aus ihrer Not heraus, das beste aus der Situation zu machen, nämlich Musik. Immer mehr Instrumente werden gefunden und es beginnt, aus der Vereinzelung, eine Annäherung aneinander, in der wir mehr und mehr erfahren von den Ängsten und Sehnsüchten unserer „Gefangenen“. Die Frage was „danach“ kommt, dürfen sich die Zuschauer*innen selbstverständlich mit nach Hause nehmen.

Musikalisch sind laut Ankündigung Schubert, die Beatles, die Piaf, Josef Schmidt mit von der Partie – das Spektrum ist ganz schön breit, was ist die Klammer?
In der Musik halte ich es mit Kurt Weill, der gesagt hat, es gebe für ihn keine Unterteilung in ernste oder Unterhaltungs-Musik , sondern nur die Unterscheidung zwischen guter und schlechter Musik. Somit ist die Klammer für mich schon mal die „gute Musik“.
Außerdem liegt für mich auch immer die Herausforderung darin, die Musik so zu arrangieren, dass die Ausführenden die „Klammer“ darstellen. Die einzelnen Lieder werden zum Sprachrohr für Zustände und Situationen der Protagonist*innen. Plötzlich wirken Passagen von Schubert und Queen, als wären sie füreinander bestimmt und in derselben Zeit entstanden, also bestenfalls zeitlos sind. Eine weitere Klammer entsteht noch durch die vorgegebene Instrumentierung.

Sind Sie einverstanden, das als Unterhaltungsabend bezeichnen?
Absolut. Aber wie gesagt: nur solange darin keine Wertung liegt. Dieser Abend ist gleichzeitig auch eine „Ode ans Theater“ und seine Magie, die wir alle nach solch einer Zeit, der Abstinenz, so vermissen. Außerdem vermute ich in unserer Gesellschaft eine große Sehnsucht nach einer „heileren Welt“. Ähnlich den 1960er-Jahren als auch Peter Alexander mit Schlagern und schönen Melodien die Menschen schwierige Zeiten vergessen ließ. Das impliziert für mich den Wunsch der Besucher*innen, sich zumindest im Theater einer anderen, vielleicht besseren Welt hingeben zu dürfen – nachdem sie eh schon den ganzen Tag mit Horrornachrichten aus Internet und TV konfrontiert wurden.

Wie setzt man ausgerechnet den „Zustand der Stille und des Stillstands“, von dem in der Ankündigung die Rede ist, in Musik um?
Na, mit Stille und Stillstand. Gut ist natürlich, wenn davor ein kontinuierliches Getöse und Getue war, damit die Stille auch zum Genuss werden kann.

Wie gut müssen Ihre SchauspielerInnen singen können?
So gut sie können :)

Sie sind in Graz für musikalischen Theaterprojekte wie „Trümmerfrauen, Bombenstimmung oder „Redaktionsschluss“ wohlbekannt – gibt es ein Rezept, nach denen man solche Abende baut?
Wenn ich eine Vorgabe habe, dann heißt diese: immer von NULL anfangen, neugierig bleiben, sich selbst - kritisch - hinterfragen, und das Allerbeste aus dem jeweiligen Ensemble rauszuholen, was bedeutet: alle, oft sehr diversen, Energien zu bündeln. Ich setze auf die sogenannte „kollektive Intelligenz“. Das beinhaltet ein großes Mitspracherecht der Darsteller*innen und macht den Arbeitsprozess zu einer Art „demokratischem“ Gemeinschaftsprojekt, bei dem ich auf die Qualitäten und Ideen jeder und jedes Einzelnen einzugehen versuche. Meine Hauptaufgabe sehe ich dabei darin, die Dinge dann zu sortieren und mit meiner Intuition in eine musikalische und ästhetische Form zu bringen. Und im besten Fall darf ich mir die Menschen, mit denen ich arbeite und Lebenszeit verbringe, aussuchen - und dies, vor allem nach menschlichen Kriterien.

SSH/Kanizaj
Sandy Lopičić: "Mir hat der Lockdown nicht so weh getan, weil ich es, seit eh und je, gewohnt bin, mein Leben und meine Arbeit der Umgebung und den jeweiligen Umständen anzupassen." © SSH/Kanizaj

Sie inszenieren und musizieren im gesamten deutschen Sprachraum – wie haben Sie selbst den Lockdown verbracht? War der vielleicht auch für was gut?
Mir hat der Lockdown nicht so weh getan, weil ich es, seit eh und je, gewohnt bin, mein Leben und meine Arbeit der Umgebung und den jeweiligen Umständen anzupassen. Während des ersten Lockdowns hatte ich allerdings noch die utopische Vorstellung, es könnte sich in der Gesellschaft und der Politik einiges zum Besseren wandeln …. die Hoffnung stirbt zuletzt! :)

Noch einmal zu „OIS OFFN“: Sie geben da die Devise „Stützräder ab und Leinen los!“ aus. Ist das dem Kulturbetrieb nach dem Lockdown insgesamt zu wünschen?
Ja, definitiv. Die Hungerpause war lang. Der Kulturbetrieb war monatelang im Stand-by, hat sich ständig und sehr schnell auf neue Sicherheitskonzepte eingestellt und wurde dennoch so lange von der Politik „gesperrt“ gehalten. Das war etwas ernüchternd, weil es den niedrigen Stellenwert der Kultur, in vielen Ländern, vor Augen geführt hat. Auch hier passt ein Zitat von Churchill sehr gut: When Winston Churchill was asked to cut arts funding to support the war effort, he replied: “Then what are we fighting for?”

Was erhoffen Sie sich als Musiker vom Neustart? Werden Sie in diesem Sommer viel auftreten?
Ich erhoffe mir, endlich die Masken loszuwerden! Und ich freue mich auf meine erste deftige Verkühlung. Und der Sommer gehört, schon seit vielen Jahren, nur mir und meiner Familie.

Die Premieren

Fünf Premieren in acht Tagen zeigt das Schauspielhaus Graz zwischen 19. und 26. Mai.
OIS OFFN! Ein musikalischer Theaterabend. Von Sandy Lopičić & Ensemble. Haus 1, 19. Mai.
Flüstern in stehenden Zügen. Von Clemens J. Setz. Regie: Anja Michaela Wohlfahrt. Uraufführung, Haus 2, 19. Mai.
Der große Diktator. Nach Charlie Chaplin. Haus 1, 21. Mai.
Zitronen Zitronen Zitronen. Von Sam Steiner. Haus 3, 22. Mai.
Sterntagebücher. Nach Stanislaw Lem. Haus 3, 26. Mai.
Der Bau. Virtuelle Vorstellungen des VR-Projekts nach Franz Kafka sind ab 1. Juni buchbar.
Details und Karten: Tel. (0316) 8000.
www.schauspielhaus-graz.com

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