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Frank Castorf im Interview„Revolutionen sind Maschinen der Geschichte“

Der deutsche Regie-Altmeister Frank Castorf sprach mit uns über seine Inszenierung von Charles Gounods Oper „Faust“, die kürzlich an der Staatsoper Wien Premiere hatte und am Sonntag (9. Mai) in ORF III zu sehen ist.

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Altmeister Frank Castorf inszenierte Gounods „Faust“ für Wien © Imago
 

Sie haben in Wien einmal den „Lenz“ von Wolfgang Rihm inszeniert, in Bayreuth den „Ring“ – lauter eher tiefgründige Stücke. Nun Charles Gounods „Faust“, dem in deutschen Sprachraum noch immer eine Trivialisierung eines deutschen Klassikers vorgeworfen wird. Was hat sie an diesem Stück überhaupt gereizt?

FRANK CASTORF: Die Premiere war ja schon 2016 in Stuttgart. Für mich war es eine Vorbereitung für etwas, was doch etwas tiefgründiger ist, den „Faust“ von Goethe, den ich danach als Abschlussinszenierung an der Berliner Volksbühne machte. Vielleicht war es ja sinnvoll, dass man die Oper in Deutschland früher „Margarethe“ nannte, nicht nur, damit die Verachtung für das Stück nicht ganz so gewalttätig ausfällt, sondern auch, weil Marguerite die zentrale Figur ist. Goethes „Faust“ ist ein enzyklopädisches Meisterwerk, an dem er sein Leben lang gearbeitet hat. Das kann einen erschlagen.

Im Vergleich dazu ist Gounods „Faust“ sehr einfach gestrickt.

Bei Goethe steckt viel dialektisches Deutschtum drinnen. Was hält die Welt im Innersten zusammen? Und die Kraft der Negation, des Teufels, ist eigentlich die Macht, die immer wieder historischen Fortschritt schafft. Den Ausgang des Kampfs um die Seele des Faust kann man ja verschieden interpretieren. Gounod hat dagegen Aspekte von Trash. Für mich ist Marguerite die Hauptfigur, eine Halbweltdame wie bei Baudelaire oder später Émile Zolas Nana, bei uns ist vielleicht auch die Subproletarierin, die mit den Händen arbeitet, aber da herauswill. Wenn man von unten kommt, kann man sich nicht alles aussuchen. Nana nutzt ihren Körper, um da rauszukommen. Man kann da aus heutiger Perspektive mit einem anderen emanzipatorischen Wissen darüber den Kopf schütteln. Aber bei Balzac und Hugo entfalten gerade diese Halbweltdamen eine ungeheure Attraktivität und Kraft. Bei Gounods Marguerite ist es auch so.

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