Premierenkritik"The Hills are Alive" am Schauspielhaus: Funkenschlag und bittere Pointen

Von wegen "Sound of Music": In einer fulminanten Neuversion des Migrationsmusicals möchten vor den Nazis geflüchtete Exilösterreicher in ihre alte Heimat zurückkehren. Wenn das so einfach wäre...

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Remigration mit Hindernissen: Nikolaus habjan und Neville Tranter in "The Hills are Alive" © SSH/Lex Karelly
 

Am Ende zeigt sich noch, wie schreckenerregend die österreichische Bürokratie tatsächlich ist: Da schlägt ein rachsüchtiger Beamter sogar Arnie, den Terminator mit dem astreinen Stynglish, in die Flucht. Wenig später wird er dann das Einreisegesuch des greisen Ehepaars Max und Maria von Trüb verhindern, in der rasanten, bitteren Komödie von Nikolaus Habjan und Neville Tranter, die am Freitag Abend im Grazer Schauspielhaus Premiere hatte.

"The Hills are Alive" heißt das gemeinsam erarbeitete Stück der beiden phänomenalen Puppenspieler. Das klingt schon fast nach einem Horrorfilm und ist doch nur die Anfangszeile aus dem Titelsong zum Filmmusical "The Sound of Music", das hier so scharfzüngig wie hochaktuell paraphrasiert wird. Seit Jahrzehnten prägt der Film von der singenden Salzburger Trapp-Familie, die vor den einmarschierenden NS-Schergen flieht und in Amerika ein neues Glück findet, in Übersee ein idealisiertes Österreich-Bild. Mit der Idylle räumt das Stück tüchtig auf.

Zu Beginn versucht das Ehepaar, das hier von Trüb heißt, verschreckt durch Donald Trumps widerliche Einwanderungspolitik, aus Kalifornien in die alte Heimat Österreich zu remigrieren. Das will der auf unheimliche Weise altbekannt wirkende Beamte "Magister!" Frickl mit allen Mitteln verhindern. Denn der Sohn jenes Nazis, der die Musikerfamilie einst verfolgte, hat mit den beiden alten Leuten noch eine Rechnung zu begleichen.

Was ihm zuletzt gelingen wird - zuerst aber stellt sich noch heraus, dass es für die von Trübs in Amerika auch nicht ganz so gut gelaufen ist wie seinerzeit im Film behauptet: aus den singenden Kindern sind Bankräuber und Mörder geworden, eines ist dem Wahnsinn verfallen und hält sich für ein Edelweiß. Und der Alte hat es sich offenbar nie abgewöhnt, den wechselnden Kindermädchen der Familie hinterherzusteigen. Dazu jagen jetzt eine französische Spionin aus Liebe, ein etwas unbedarfter Boulevardjournalist, ein schießwütiger Rekrut und, nicht zu vergessen, ein leidenschaftlich entflammter Geißbock über die Bühne. In einem fantastischen, rasanten, witzigen Reigen, der vom fadenscheinigen Feel-Good-Charme alter Hollywoodmusicals genauso erzählt wie vom Comeback faschistoiden Gedankenguts und der hässlichen Realität sogenannter Ausreisezentren.

Dass alle Figuren in rasendem Wechsel von nur zwei Spielern bewegt, gesprochen und gesungen werden: eigentlich unfassbar. Wie Charakterzeichnung, Akzente, Timing, Pointen, Meta-Witze ineinandergreifen: fantastisch. Bekanntlich sind Habjan und Tranter jeder für sich Ausnahmeerscheinungen des Figurentheater-Genres. Dass die beiden im Zusammenspiel die ohnehin schon hoch gelegten Erwartungen noch übertreffen würden, war nicht unbedingt aufgelegt. Und es ist ein außerordentlicher Abend geworden, ausgelassen und poesievoll, subtil und plakativ, pointensatt und tieftraurig. Bei der Premiere spendierte ein volles Haus am Ende minutenlang stehend Applaus. Hoch verdient.

The Hills are Alive.
Regie:Nikolaus Habjan und Neville Tranter.
Text: Neville Tranter.
Puppenbau: Neville Tranter.
Bühne & Kostüme: Denise Heschl.
Musik: Kyrre Kvam.
Lichtdesign: Thomas Trummer.
Mit: Nikolaus Habjan, Neville Tranter. Schauspielhaus Graz.
Nächste Vorstellungen: 19., 20., 23., 27. und 30. November, 14. und Dezember.
www.schauspielhaus-graz.com

Kommentare (1)
mobile49
2
3
Lesenswert?

danke

danke
danke