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Bregenzer FestspielePremiere für "Wunderwandelwelt"

In der letzten Premiere der heurigen Saison der Bregenzer Festspiele am Freitag zauberte der französische Künstler Francois Sarhan in einer Uraufführung die musiktheatrale Installation "Wunderwandelwelt" auf die Werkstattbühne. Die Performance präsentierte sich in Fragmenten und episodenhaften Erzählungen als Kontrast zur Großproduktion auf der Seebühne. Der Applaus der Besucher blieb verhalten.

"Wunderwandelwelt" von Francois Sarhan © Bregenzer Festspiele
 

Das Eintauchen in die Szenerie fällt leicht: Von der Decke der Werkstattbühne hängen zerstückelte Autos aus Pappe, und die Kulisse bildet eine riesige Collage aus Zeitungsartikeln, Zitaten und Bildern. In einer Ecke tragen die Schauspieler "Ein-Sekunden-Gedichte" vor, in einem auf eine Leinwand projizierten Video (Kamera: Tobi Jall) fährt ein Mann mit einem mysteriösen Koffer in seinem Kartonauto durch eine Kartonstadt. Das Publikum sitzt auf "erstaunlich bequemen" (Zitat einer Zuseherin) Pappstühlen, und manche stellen sich die Frage, ob man diese nach der Aufführung wohl mitnehmen kann. Auf den ersten Blick erinnert diese detailreiche, bunte Welt, die François Sarhan auf der Bregenzer Werkstattbühne erschaffen hat, tatsächlich an den Kinderbuchklassiker "Alice im Wunderland".

Sarhan, der neben Musik und Text auch Requisiten und Bühnenbild selbst realisiert hat, tritt gleich zu Beginn auf die Bühne und führt in einem Dialog mit einem anderen Selbst im Video in das Stück ein. Er eröffnet eine Welt der Analogien und verabschiedet sich von kausalen Zusammenhängen. Erfahrungen und Eindrücke sollen in den folgenden drei Stunden auf die Zuschauer wirken. Diese werden dazu aufgefordert, durch Sarhans Universum aus Pappe zu wandeln und sich die Pausen selbst einzuteilen. Die Grundbedingungen sind geklärt.

Der Künstler erzählt nun von einer Welt, die in einzelnen Episoden scheinbar fassbar wird, sich aber ebenso schnell verflüchtigt. Das Vergängliche wird kurz festgehalten, ehe es wieder verschwindet - darauf deutet auch der französische Titel der Produktion hin: "Ephémère Enchaîné" (wortwörtlich: angekettete Vergänglichkeit). Dabei zitiert er sich einmal durch die gesamte europäisch-amerikanische Geistesgeschichte der beiden vergangenen Jahrhunderte. Ein Stadtspaziergang durch Prag à la Walter Benjamin, eine verworrene Detektivgeschichte wie bei Thomas Pynchon, eine Musikkulisse wie bei Wagners "Tristan und Isolde". Die vielen Käfer, die über die Pappkulisse krabbeln, lassen an Kafkas Verwandlung denken, und die Figuren tragen Namen aus Erzählungen von Dostojewski (Bobok) oder von Kunstwerken von Andy Warhol (Soupcan).

Die Episode um den genannten Bobok etwa, der als Manager auf die Bühne tritt, erzählt von der Absurdität der Arbeits- und Finanzwelt, in der Fakten und Gesetzmäßigkeiten nur scheinbar existieren und deren Sinnlosigkeit Bobok in den Wahnsinn treibt. Dazu hört man Melodien von Arbeiterliedern und denkt an Prag, das ja ab 1989 - Sarhan hat es uns bereits erzählt - auch vom Turbokapitalismus übermannt wurde.

Die Figuren werden allesamt von Mitgliedern des Ensembles "Something Out There" überzeugend gespielt und musikalisch vom Ensemble "Phace" (Klangregie: Florian Bogner) unterstützt. Für Sound und Video sorgen "La Muse en Circuit". Gesang, Instrumente und Dialoge sind rhythmisch perfekt aufeinander abgestimmt. Die Musik ist zweifellos das Überzeugendste am Stück.

Dennoch hat man das alles schon einmal gesehen und gehört. Die Inhalte sind größtenteils Zitate, und auch die Freiheit, die den Zuschauern gewährt wird, ist nichts Neues. Letztere nützen diese im Übrigen auch - an der Bar vor der Werkstattbühne trifft man zeitweise auf beinahe ebenso viele Menschen wie im Saal. Am Ende fällt der Applaus derjenigen, die bis zum Ende im Saal verblieben sind, entsprechend verhalten aus. Die Premiere wird heute, Samstag, fortgeführt.

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