Die heurigen Salzburger Pfingstfestspiele haben sich ganz der hohen Kunst der Kastraten verschrieben. Festivalleiterin Cecilia Bartoli und die Ihren würdigen die „Voci celesti“ zentral in zwei Bühnenwerken, die beispielhaft an die Strahlkraft der „himmlischen Stimmen“ erinnern und bei ihrer Uraufführung jeweils anno 1735 um die Gunst des sensationsgierigen Londoner Publikums buhlten: Georg Friedrich Händels „Alcina“ und Nicola Porporas „Polifemo“.

Das dreiaktige Dramma per musica des Neapolitaners Porpora, das zwei griechische Mythen um den einäugigen Riesen verknüpft, ist nur heute (8. Juni) in der Felsenreitschule zu sehen, in einer von George Petrou dirigierten halbszenischen Fassung, erstellt vom Wiener Countertenor Max Emanuel Cencic, der den Odysseus singt.

Schon Freitagabend (7. Juni) gab es im Haus für Mozart die Premiere von Händels Zauberoper, und diese wurde erneut ein Triumph für die Gastgeberin, denn Bartoli übernahm wie seit 2012 auch heuer die Hauptrolle im Kernstück des Festivals. Die römische Mezzosopranistin, diese Woche 53 Jahre jung geworden, spielt und singt höchst überzeugend die Zauberin Alcina, die alle Männer becirct und sich ihrer rasch wieder entledigt, indem sie sie in Pflanzen, Felsen oder Tiere verwandelt. Aber just der einzige Mensch, in den sie sich wirklich verliebt – der Kreuzritter Ruggiero –, verwandelt sie seiner Verlobten und seiner Freiheit willen in eine Unglückliche.

Damiano Michieletto hat die Geschichte nach Ariosts „Orlando Furioso“ von einer Insel, wo die Verführerin Alcina ihren Opfern auflauert, in eine zeitlose Hotellobby verlegt. Dort lässt er im Täuschungs-, Ränke- und Rachespiel zunächst alle Figuren dem emotionalen Elend zutaumeln, aber am Ende wird nur die verletzende Alcina die Verletzte sein – eine, die die Macht, die Attraktivität, die Jugend und schließlich in eisiger Szene das Leben verlieren wird.

Klug und schlüssig fächert der Venezianer das Psychodrama auf, am eindringlichsten im zweiten Akt, auf der schlichten und dennoch imposanten Bühne von Paolo Fantin. Diese erfährt mit markantem Licht (Alessandro Carletti) und erzählerischen Videos von rocafilm Erweiterungen und vor allem mit einer semitransparenten Wand, die zwischendurch als Drehtüre fungiert und hinter der sich Zwischenwelten auftun: In ihnen sieht man acht Tänzer als die von Alcina verhexten Männer in faszinierenden Tableaus oder Zeitlupen, die wie in den Höllen des Hieronymus Bosch quasi als Brüder des Laokoon gegen schlangenhafte Liebe kämpfen, als Söhne des Sisyphus unter Qualen sinnlos die Felsen stemmen.

Neben Hausherrin Cecilia Bartoli, die bei der Premierenfeier verriet, dass sie bis 2026 weitere acht Jahre die Pfingstfestspiele leiten wird, glänzen in den eleganten Kostümen von Agostino Cavalca vor allem Philippe Jaroussky mit behendem Counter als hin- und hergerissener Ruggiero und die brillante Sandrine Piau als Morgana, die luderhafte Schwester Alcinas. Kristina Hammarström mäandert mit kleinen Abstrichen zielsicher durch die halsbrecherischen Koloraturen der Bradamante, die als Mann getarnt ihren Ruggiero aus den Klauen Alcinas zu befreien trachtet. Alastair Miles als ihr Vertrauter Melisso führt einen stilsicheren Bass, der Wiener Sängerknabe Sheen Park entzückt als Oberto, nur Tenor Christoph Stehl kann mit dem hohen Niveau nicht mithalten.

Les Musiciens du Prince verstehen sich in der farbenreichen, prächtigen Partitur von Händel nicht nur auf runden Schönklang, sondern auch auf nötige Ecken und Kanten. Dem in Monaco ansässigen Hausorchester Bartolis unter ihrem fein gestaltenden Dirigenten Gianluca Capuano und dem Bachchor Salzburg gebührten die Standing Ovations nach fast viereinhalb (zu) langen Stunden ebenso zu Recht wie dem erstrangigen Ensemble und der sinnlichen, sinnigen Produktion, die nach der sonntägigen Nachmittagsaufführung bei den Pfingstfestspielen ab 8. August noch fünf Mal im Salzburger Sommerprogramm zu sehen ist.

Bartoli als Zauberin Alcina (mit ihrem gealterten Spiegelbild)
© Festspiele/Matthias Horn