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Reportage"Gebenedeite Messerchen" für die Höhenflüge

Die Salzburger Pfingstfestspiele präsentieren ab Freitag (7. Juni) die Kunst der Kastraten. In Neapel, einst Hauptstadt der Engelsstimmen, kann man ihren so glanzvollen wie qualvollen Schicksalen nachspüren.

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Der legendäre Kastrat Farinelli, dem der belgische Regisseur Gérard Corbiau 1994 einen Kinofilm widmete © Sony
 

Eines Tages verschwand ein Junge aus unserem Dorf. Gasparo Conti hatte ein blasses Kindergesicht, er war mollig, aber so graziös wie eine Schilfrispe, und wenn er barfuß mit einem gegabelten Ast in der Hand die kleinen abgelegenen Wege hinter dem Dorf entlang rannte, klang seine Stimme, sein Rufen so schrill wie die jedes anderen kampanischen Jungen ...“ Mit diesen Worten beginnt Margriet de Moor ihren sinnlichen Roman „Der Virtuose“ (1994), in dem ein gefeierter Kastrat in Neapel eine Opernsaison lang der Geliebte einer Adeligen wird.

Wie dieser Gasparo verschwanden im 17. und 18. Jahrhundert Tausende Knaben aus dem Hinterland Neapels. Bitterarme Familien gaben sie freiwillig in Schulen oder ließen sie sich von sogenannten Eunuchenhändlern für ein paar Münzen abkaufen, um ihnen eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Dort und in Waisenhäusern hatte man sich auf Musikausbildung konzentriert. Aus ihnen erwuchsen in der Hauptstadt berühmte Konservatorien, wie die „Pietà dei Turchini“, wo auch die bedeutendsten Musiker unterrichteten, so etwa der große Komponist und Gesangslehrer Nicola Porpora, durch dessen Hände die Besten der Besten gingen.

Aber die blutjungen Sänger gingen zunächst durch die Hände von Ärzten, Barbieren, Quacksalbern. Allein in Neapel, damals Europas Musikhauptstadt, kamen jährlich 4000 Knaben unter das „benedetto coltello“, das „gebenedeite Messerchen“, wie es so euphemistisch hieß. Bei der grausamen Entfernung der Hoden zur Unterdrückung der hormonellen Weiterentwicklung der Kinder und zur Bewahrung ihrer hohen Stimmen starb die Hälfte von ihnen noch während des Eingriffs – etwa an Ersticken, weil man sie teils kopfüber operierte – oder in der Folge wegen mangelnder Hygiene an Sepsis. Von der anderen Hälfte endeten viele als Bettler auf der Straße oder in Bordellen und nur die allerwenigsten im Olymp der Kunst. Auf Opernbühnen. In Adelshäusern. Oder im Vatikan, wo man die eigentlich streng verbotene Kastration duldete, weil Frauen das Singen in Kirchen untersagt war, man aber in Chören hohe Stimmen brauchte.

Im „Museo delle Arti Sanitarie e di Storia della Medicina“ in Neapel kann man erfahren, wie barbarisch die Verstümmelungen für Höhenflüge in der Gesangskunst waren. Gennaro Rispoli zeigt die medizinischen Werkzeuge, die eher wie Folterinstrumente wirken, und schildert, wie Acht- bis Zwölfjährige zunächst mit Opium, Belladonna oder dergleichen betäubt und danach mit Messern, Zangen, Scheren, Haken, Heftnadeln und Eisen zum Ausbrennen der Wunden traktiert wurden „wie Schweine“.

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