''Jedermann''Nach grandiosem Auftritt: Hochmair ersetzt Moretti "bis auf weiteres"

Der 44-Jährige war spontan für den erkrankten Tobias Moretti eingesprungen: "Ich bin daran gewöhnt zu improvisieren". Und: "Es hat mich ein Engel geführt" - während seines umjubelten "Jedermann"-Auftritts hatte er einen Stöpsel im Ohr.

SALZBURGER FESTSPIELE 2018: SCHLUSSAPPLAUS 'JEDERMANN' / HOCHMAIR, REINSPERGER
Große Freude bei Neo-"Jedermann" Philipp Hochmair und und Buhlschaft Stefanie Reinsperger © APA/BARBARA GINDL
 

Philipp Hochmair hat am Donnerstagabend mit Bravour das Kunststück geschafft, in kürzester Zeit für den erkrankten Tobias Moretti als "Jedermann"-Darsteller bei den Salzburger Festspielen einzuspringen und in der Rolle zu brillieren. Im APA-Gespräch zeigte sich der österreichische Schauspieler (44) sehr glücklich darüber, dass ihm diese "Notlandung", wie er es nannte, gelungen ist.

Zum Gesundheitszustand von Tobias Moretti, dem quasi originalen Jedermann der Inszenierung von Michael Sturminger, gab es am Samstag keine Auskunft und auch keine Prognose. "Bis auf weiteres" werde die Rolle von Hochmair verkörpert.

"Es ist eine treibende Kraft, ein natürlicher Leichtsinn, der mich dazu getrieben hat, diese Rolle zu übernehmen", sagte Hochmair. "Es ging um eine Notlandung, und es ist beglückend, dass diese Notlandung gut ging. Das ist in meinem Leben ein besonderes Ereignis gewesen." Als am Mittwoch das Handy läutete und sich die Schauspielchefin der Salzburger Festspiele, Bettina Hering, meldete, habe er zuerst gedacht, er werde nach Salzburg gerufen, um mit seiner Band den "Jedermann-Reloaded" aufzuführen. Mit dem Solostück hatte er 2015 schon für ein ausverkauftes Wiener Burgtheater gesorgt.

"Entweder absagen oder wagen"

Die Überraschung war groß, als Hering ihn 30 Stunden vor der Aufführung fragte, ob er den "Jedermann" am Domplatz spielen könne. "Ich dachte mir, entweder absagen oder wagen. Du bist jetzt in einem Flugzeug, mit dem man eine Notlandung machen muss. Dafür wurde ich gerufen."

Ich habe eine gewisse Improvisationslust und bin Mut erprobt. Mit unerwarteten Situationen kann ich gut umgehen.

Philipp Hochmair

Um einen Absturz zu vermeiden, entschied er sich für die Notlandung. "Die musste mit der notwendigen Sicherheit und Leichtigkeit stattfinden." Zugute sei ihm dabei gekommen, dass er schon in vielen Theatern dieser Welt aufgetreten sei und Hauptrollen gespielt habe. Er verkörperte auch erfolgreich einen zeitgenössischen Werther auf internationalen Bühnen. "Ich bin daran gewöhnt zu improvisieren", erzählte das ehemalige Wiener Burgtheater-Ensemblemitglied. "Ich habe eine gewisse Improvisationslust und bin Mut erprobt. Mit unerwarteten Situationen kann ich gut umgehen."

"Ich bin ein Hans im Glück"

Motiviert hat ihn auch der "Reiz, der Kitzel, ob das überhaupt geht", die Rolle des klassischen "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen zu performen. Der Druck war groß. "Druck steht für einen Schauspieler an der Tagesordnung, das muss man lernen." Aus dem Nichts heraus etwas hervorzubringen, das entspreche seinem Naturell. "Ich bin ein Hans im Glück", schmunzelte er.

Jedermann in Salzburg: Standing Ovations für Einspringer Hochmaier

Die Erleichterung war groß: Nicht einmal zwei Tage hatte Philipp Hochmair, um sich auf den "Jedermann" vorzubereiten.

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Er war kurzfristig für den an Lungenentzündung erkrankten Tobias Moretti eingesprungen.

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Seit 1920 ist es übrigens erst ein Mal vorgekommen, dass ein amtierender Jedermann ausgefallen ist.

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In Salzburg war Philipp Hochmair 2013 (hier mit "Glaube" Johannes Silberschneider) schon in der Jedermann-Solo-Version in der Regie von Bastian Kraft aufgetreten. Sein "Jedermann reloaded", die Rockversion des Mysterienspiels von Hugo von Hofmannsthal, ist eines von vier Soloprogrammen.

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Durch seine Rolle als mörderischer Minister Dr. Joachim Schnitzler in den "Vorstadtweibern" ist der 44-Jährige auch jenen ein Begriff, die eher selten ins Theater gehen.

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Die Übung gelang: "Eine der ungewöhnlichsten Vorstellungen in der Geschichte der Salzburger Festspiele", urteilten die Salzburger Nachrichten.

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Von "stehenden Ovationen für einen Jedermann, wie man ihn bisher noch nie gesehen hat" war auf orf.at zu lesen.

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Mit seiner Zusage begann allerdings eine Odyssee. Als ihn Hering anrief, probte er gerade in kurzen Hosen mit seiner Band in einem Tonstudio in Dresden. Er setzte sich in einen Regionalzug nach Berlin, stieg dort in ein Flugzeug und landete spätabends in Salzburg. Er hatte nicht einmal einen Koffer bei sich, musste sich eine lange Hose von einem Kollegen ausborgen. In Salzburg ließ er sich von "Dior" einen Anzug ins Festspielbüro bringen.

Dann ging es Schlag auf Schlag. Er habe das Gefühl verspürt, er komme "aus dem Nichts". Er kannte Michael Sturmingers Inszenierung nicht. Hochmair sah sich Videosequenzen der aktuellen "Jedermann"-Aufführung an, probte einige Szenen mit dem Ensemble. Geholfen hat ihm, dass er das Stück und den Text gut kennt, quasi die "Partitur", die er so liebt und die im Text von Hugo von Hofmannsthal steckt. "Ich kannte das Lied, das gab mir die Chance einzuspringen, ich kannte die Landschaft, wo ich notlanden muss. Bei den Proben musste ich aber darauf achten, meine Gelassenheit zu erhalten, damit ich das überhaupt machen kann. Sonst würde man ja verrückt werden. Ich habe noch nie vor 2.400 Leuten gespielt. Zum ersten Mal auf der Bühne am Domplatz stand ich gestern Nachmittag. Es hat mich ein Engel geführt."

Auftritt mit Stöpsel im Ohr

Hochmair brachte am Domplatz die Textteile seines "Jedermann"-Reloaded ein, wie er schilderte. Jene Passagen der Inszenierung, die er nicht kannte, wurden ihm per Funk - er trug einen Stöpsel im Ohr - von einer "Fee", einer Souffleuse, eingeflüstert. "Es war alles Improvisation. Aber in Kenntnis des Textes, konnte ich mich fallen lassen." Die Souffleuse dirigierte ihn auch zu den jeweiligen Positionen auf der Bühne. Als für einen kurzen Moment der Funk ausfiel, kam ihm seine "Buhlschaft", Stefanie Reinsperger, zu Hilfe. "Sie gab mir einen Kuss und flüsterte mir zu, was ich machen muss." Das gesamte "Jedermann"-Team habe ihn unterstützt, dafür sei er sehr dankbar.

Dass ihm seine Darstellung als "Jedermann" gelungen ist, sei ihm im Nachhinein ein Rätsel, sagte Hochmair. "Wir bewegten uns fernab von gesicherten Terrain." Welche Bedeutung sein umjubelter Auftritt als "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen für seine weitere Karriere hat, "kann ich jetzt nicht zuordnen". Er habe jedenfalls ein paar Tage frei und könne die Rolle auch weiterhin übernehmen. "Wichtig ist aber, dass Tobias Moretti gesund wird." Das Interesse an Hochmair ist jedenfalls groß. Am Freitag führte er zahlreiche Telefonate und Interviews. Schlafprobleme hatte er zum Glück keine, "ich kann immer schlafen". Am Freitagabend hieß es seitens der Festspiele, Hochmair werde "bis auf weiteres" für Moretti einspringen.

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