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30 Jahre danachDas Geiseldrama von Gladbeck und der Sog des Irrationalen

Zwischen Versagen und Verzweiflung: Vor 30 Jahren ließ ein blutiges Geiseldrama zwei Ganoven zu Medienstars werden. Der Sündenfall "Gladbeck" hat zu einem Umdenken geführt. Der ORF zeigt heute (ORF eins, 21.55 Uhr) einen neuen TV-Zweiteiler.

Gladbeck (2)
ORF eins zeigt heute den ersten Teil des "Gladbeck". Teil 2 folgt nächste Woche. © ORF
 

Sie hatten sich in der Sonderschule kennengelernt. Am 16. August 1988 stürmten Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner schwer bewaffnet eine Bank in der nordrhein-westfälischen Stadt Gladbeck. Als sie die anrückende Polizei bemerkten nahmen sie Geiseln, forderten Lösegeld und einen Fluchtwagen. Es ist der Beginn eines 54-stündigen Roadmovies, an dessen Ende nicht nur drei Menschen ihr Leben, sondern auch Polizei, Politik und Medien ihr Gesicht verloren hatten. Ein multiples Versagen mit blutigen Konsequenzen und zwei Tätern, die sich in der Rolle der Medienstars gefielen: Während ihrer Flucht gaben sie den Journalisten bereitwillig Interviews. Die ORF-Premiere des Zweiteilers „Gladbeck“ (ORF eins, 21.55 Uhr) lässt die Ereignisse Revue passieren.

Für Matthias Karmasin, Medien- und Kommunikationswissenschaftler an der Alpen-Adria-Universität, handelt es sich um eine medienethische Frage mit historischer Dimension: Wo verlassen Journalisten die Rolle der Berichterstatter, wo greifen sie aktiv ins Geschehen ein? „Diese Grenze ist bei Gladbeck massiv überschritten worden“, erklärt Karmasin, der aber darauf verweist, dass es Journalisten waren, die den verletzten Emanuele zum Notarzt brachten – allerdings nicht ohne Fotos der Aktion zu machen.

Der 15-Jährige Emanuele war eine Geiseln der Bankräuber: Als Rösners Freundin auf dem Weg zur Toilette von der Polizei festgenommen werden, stellen die Entführer ein Ultimatum: Wenn die Freundin nicht fünf Minuten auftaucht, wird eine Geisel erschossen. Die Beamten erkennen den Irrtum, wollen die Frau freilassen. Beim Versuch die Handschellen zu öffnen bricht der Schlüssel. Degowski erschießt daraufhin Emanuele.

"Die Pistole noch einmal an den Hals, bitte"

Drei Tage lang fuhren die Geiselnehmer quer durch drei deutsche Bundesländer und auch in die Niederlande, wechselten die Fluchtautos und kaperten zwischenzeitlich sogar einen Linienbus. In Köln pausierten sie in der Fußgängerzone, plauderten mit Passanten und Journalisten, die auch zu den Geiselnehmern ins Auto steigen: „Die Pistole noch einmal an den Hals, bitte“ – damit der Schnappschuss auch wirklich gelingt. Später würde dieses Vorgehen als Sündenfall der deutschen Presse in die Geschichte eingehen. Der Vorfall blieb nicht ohne Konsequenzen: Der deutsche Presserat erweitert seinen Ehrenkodex, Interviews mit Geiselnehmer wurden verboten.

30 Jahre nach dem Gladbecker Geiseldrama
Der Wagen mit den Geiselnehmern wird am 18. August 1988 in Köln von Journalisten umringt. Foto © APA/dpa/Hartmut Reeh

Die Frage, ob auch die österreichische Medienlandschaft Lehren aus den Ereignissen gezogen hat, ist für Karmasin nicht klar zu beantworten: „Über Gladbeck wurde auch in Österreich sehr breit berichtet, ich würde aber sagen, die großen Skandale der österreichischen Mediengeschichte sind andere.“

Am 18. August 1988 endet das Martyrium. Ein Spezialkommando greift ein, bei der folgenden Schießerei stirbt eine 18-jährige Geisel durch Rösners Waffe. Die beiden Täter werden verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt. Degowski kann das Gefängnis, ausgestattet mit neuem Namen, 2017 verlassen.

„Natürlich hat es krasses journalistisches Fehlverhalten in Gladbeck gegeben. Aber man muss schon auch die Kirche im Dorf lassen“, betont Karmasin. Es seien schwere Ermittlungsfehler der Polizei gewesen, zudem habe die grenzüberschreitende Koordination überhaupt nicht funktioniert. Die Verantwortung wurde abgeschoben. Karmasin: „Letztlich kann man es nicht den Journalisten umhängen, dass es so furchtbar schief gelaufen ist.“

 

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