Premiere im SchauspielhausHassler und Turrini über das Sein für Jeden

"Jedem das Seine" von Silke Hassler und Peter Turrini hat heute im Schauspielhaus Graz Premiere. Offene Worte über Verdrängungskünste, die Wirkung des Tragikomischen und die Wahlen in Kärnten.

SPIELZEIT 2016/17 THEATER IN DER JOSEFSTADT UND KAMMERSPIELE: TURRINI
© APA/HERBERT NEUBAUER
 

Frau Hassler, Herr Turrini, der Satz „Jedem das Seine“ stand auf dem Eingangstor zum KZ Buchenwald. Ist der gleichnamige Stücktitel nicht auch eine schallende Ohrfeige für alle Verdrängungskünstler?

SILKE HASSLER: Im Deutschland der 90er-Jahre gab es eine Werbekampagne von einem großen Handy-Erzeuger, und der Werbespruch hieß „Jedem das Seine“ - also quasi „Jedem sein eigenes Handy“. Das hat in Deutschland einen Riesenskandal ausgelöst, denn offensichtlich ist diese KZ-Inschrift noch nicht so ganz aus der Erinnerung der Deutschen verschwunden.

PETER TURRINI: Der meisten Österreicher schon. Die sind aber auch bessere Verdränger als die Deutschen.

Das Werk hat durch die Todesmärsche Tausender Juden authentischen Hintergrund. Silke Hassler und Sie verpacken all das Grauen in ein tragikomisches Volksstück. Lässt sich durch die vermeintliche Fröhlichkeit noch mehr Beklemmung hervorrufen?

TURRINI: Wenn wir uns in die Tradition der Traueraufbereitung des Holocaust-Themas eingereiht hätten, wäre das keine allzu große künstlerische Herausforderung gewesen. Es wäre ein ehrenhaftes und moralisch anständiges künstlerisches Unterfangen geworden. Aber wir wollten etwas miteinander kombinieren, was kaum verbindbar erscheint: die Komödie und die Tragödie, den Witz und den Massenmord. HASSLER: Wir hatten ja ein paar tolle Vorbilder. Zum Beispiel den Film „La vita è bella“ oder den „Zug des Lebens“. Wir wollten einfach kein weiteres Holocaust-Drama schreiben, bei dem man nach fünf Minuten genau weiß, dass man in den nächsten zwei Stunden einem durchgehenden Entsetzen ausgeliefert sein wird.

In Wahrheit ist es ja ein realer Totentanz im Dreivierteltakt.

HASSLER: Solange es den Dreivierteltakt gibt, besteht in unserem Stück Humor und Hoffnung. Erst am Schluss wird es tödlich. TURRINI: Wir erzählen ja eine erfundene Geschichte über Menschen, ein Märchen. Da versuchen Menschen, die dem Tode geweiht sind, mithilfe der Kunst, der Aufführung einer Operette, dem sicheren Sterben zu entkommen. Beinahe gelingt es ja, aber nur beinahe.

In der Scheune, die den Marschierenden Zuflucht bietet, wird „Wiener Blut“ geprobt und gespielt. Auch darin steckt doch makabrer Doppelsinn?

HASSLER: Die Operette „Wiener Blut“ gilt als der Inbegriff des Österreichischen und ist von zwei jüdischen Librettisten verfasst worden. In den berühmtesten Textpassagen wird von den Protagonisten immer wieder betont, sie hätten das Wiener Blut in sich und dies sei das allein Seligmachende. Das ist doch eine schöne Ironie für unser Stück. TURRINI: Außerdem haben wir ja einen schlechten Charakter und haben uns gedacht, wir treiben mit dieser österreichischen Erwartung von Operette ein hinterfotziges Spiel.

Dieses Land hat keinerlei Probleme, die Vergangenheit zu verdrängen. Aber es ist, wie die aktuelle Realität beweist, nicht in der Lage, den Antisemitismus zu Grabe zu tragen. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

TURRINI: Der österreichische Antisemitismus ist ja nicht nur abscheulich, sondern grotesk. Es gibt immer weniger Juden in Österreich, aber immer mehr Antisemiten. Es grölt ja förmlich aus den Kellern hervor.

HASSLER: Antisemitismus ist keine falsche Haltung, sondern ein Hirngespinst, eine Krankheit.

Im Stück gibt es ja auch versöhnliche Töne, ein unerwartetes Miteinander, eine Aufhebung des blinden, geschürten Hasses. Sollte das Publikum zumindest das als Zukunftsmusik mit nach Hause nehmen und die Fremdenfeindlichkeit neu überdenken?

HASSLER: Die Menschen treffen mit ihren Vorurteilen auf das Fremde, auf das vermeintlich Andersartige. Bei dieser Begegnung im Stadel gibt es etwas ganz Spezielles: Wenn sie die Fremden durch die Brille ihrer Ideologie, ihrer Vorurteile sehen, entstehen die Funken des Hasses. Wenn sie aber einander Familiäres erzählen, von ihren jeweiligen Verwandten und deren Los berichten, entsteht Nähe und Übereinstimmung.

Turrini: Das können Sie ja auch heute auf jeder Baustelle beobachten. Am Anfang ist der ausländische Bauarbeiter ein Fremdling, aber nach einigen Bieren und Witzen entschwindet das Fremdartige und das Gemeinsame tritt hervor. Vor allem bei schweinischen Witzen unter Männern.

Kleiner Themenwechsel: In Kärnten wird Sonntag gewählt. Was sind Ihre Hoffnungen bezüglich des Wahlausgangs?

TURRINI: Es gibt nur eine Hoffnung - dass jene, welche das Land moralisch und finanziell ruiniert haben, nicht schon wieder die Gewinner sind.

HASSLER: Gott geb's!

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