Es gibt jetzt keinen Platz für Romane, keinen für Gedichte oder Märchen für Kinder“, erklärte der in St. Petersburg geborene und in Kiew beheimatete Andrej Kurkow im März in einem Interview mit der Kleinen Zeitung. Er schreibe derzeit nur über die Zerstörung, die russische Politik und den Tod. „Das ist keine Zeit für Literatur“, schloss der Autor.

Dass es trotzdem neuen Lesestoff vom 61-Jährigen gibt, ist auch den Übersetzerinnen Sabine Grebing und Johanna Marx zu verdanken, die den 1919 in Kiew spielenden historischen Kriminalroman „Samson und Nadjeschda“ ins Deutsche übertrugen.
Die kurz nach der bolschewistischen Machtübernahme angesiedelte Handlung beschreibt eine Sphäre organisierter Mangelwirtschaft: Energiekrise, Hungerkrise, die moralische Krise gibt es gratis dazu.

In diesem Prekariat lebt Samson, der immerhin nicht kopflos, jedoch nach einem feindlichen Säbelschlag einseitig ohrlos durchs Leben wandelt. Just diese Amputation ist es, die den jungen Mann in umsturzschwangeren Zeiten zum Hörenden werden lässt, der sich alsbald wie zufällig im sowjetischen Polizeidienst mit Silberdieben und anderen Kriminellen befasst. An seiner Seite die regimetreue Nadjeschda, die in den Bolschewiki den Silberstreif am Horizont erkennen will.

Kurkow beschreibt im leichtgängigen, immer wieder überraschenden Roman einen naiven Protagonisten, der den Geruch des einfachen, unbarmherzigen Lebens inhaliert, ohne die Tragweite der Radikalität zu erkennen. Samsons Beobachtungen zeichnen eine detaillierte Karte einer wirren Zeit, in der der penible Milizionär bald Schwierigkeiten hat, zwischen Räuber und Beraubten zu unterscheiden.

Buchtipp: Andrej Kurkow. Samson und Nadjeschda.
Diogenes, 366 Seiten, 24,70 Euro. 

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