Buch der WocheEdmund de Waals Spurensuche in fiktiven Briefen

Nach „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ spürt der Autor Edmund de Waal in seinem neuen Werk "Camondo" akribisch und berührend der Familie Camondo nach.

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Plädoyer wider das Vergessen: Edmund de Waal © APA/GEORG HOCHMUTH
 

Die Form ist raffiniert, die Geschichte ergreifend: In fiktiven Briefen, die Edmund de Waal an den 1935 verstorbenen Bankier Moise de Camondo richtet, lässt der Autor eine jüdische Familiengeschichte im Paris der Belle Epoche erstehen. Während die Ephrussis, die Vorfahren de Waals, denen der Bestseller „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ gewidmet war, aus Odessa kamen, immigrierten die Camondos fast gleichzeitig aus Konstantinopel. Beide Familien fanden unweit voneinander ihr neues Zuhause in der noblen Rue de Monceau, wo heute das „Musee Nissim de Camondo“ zu einer Zeitreise einlädt. Seit 1935 ist das Palais im Gedenken an Camondos im Ersten Weltkrieg gefallenen Sohn unverändert. Es beherbergt nicht nur die Originaleinrichtung und eine reichhaltige Sammlung mit französischer Kunst des 18. Jahrhunderts, sondern auch eine penibel geführte Bibliothek aus unzähligen, in rotes Leder gebundenen Archivbänden, die die Basis für de Waals Spurensuche bildeten: „Ich finde Anweisungen an die Gärtner für die jährliche Neubepflanzung des Gartenparterres, Instruktionen für Ihren Weinhändler, für den Buchbinder, Hinweise zur Aufbewahrung von Pelzen, Instruktionen für den Tierarzt. Ich finde Ihre Antworten an die Kunsthändler, die täglich schreiben.“

De Waal lässt das Leben in den prunkvollen Räumen feinsinnig wiedererstehen, zeigt aber auch den beginnenden Antisemitismus und das konsequente Bemühen der kunstsinnigen jüdischen Adelsfamilie, sich als Franzosen zu integrieren. Doch es war vergeblich. Der Judenhass, nach und nach zwischen den Seiten spürbar, steht im erschreckenden Kontrast zu der Kultiviertheit des Sammlers und Mäzens, dessen Tochter, Schwiegersohn und Enkelkinder schließlich in deutschen KZs ermordet wurden.

Lesezeichen - jeden Samstag

Das Erinnerungsbuch ist eine sehr persönliche Chronik, die in ruhiger, klarer Sprache Vergangenheit lebendig werden lässt. Dass der in England lebende Autor Edmund de Waal das kann, hat er schon in seinem Bestseller rund um die kleine Hasenskulptur gezeigt, in dem die Spuren der Ephrussis bis nach Wien führen. Die Geschichte der mit ihr befreundeten Familie Camondo, sorgsam übersetzt von Brigitte Hilzensauer, gebunden in blaues Leinen und ergänzt um zahlreiche Abbildungen, ist ein inhaltliches und bibliophiles Kunstwerk, ein packendes Plädoyer für das Niemals-Vergessen.

Buchtipp

Edmund de Waal. Camondo. Eine Familiengeschichte in Briefen. Zsolnay, 192 Seiten, 26,80 Euro

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