Zweifacher Pulitzer-PreisträgerColson Whitehead: Ein Worte-Tänzer voll Poesie und Power

„Harlem Shuffle“, der neue Roman des US-Schriftstellers Colson Whitehead, ist eine vielstimmige Großstadtsaga.

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Der US-Schriftsteller Colson Whitehead
Der US-Schriftsteller Colson Whitehead © (c) imago images/Horst Galuschka
 

Der Song „Harlem Shuffle“ vom Duo Bob & Earl aus dem Jahr 1963 (Jahrzehnte später von den Rolling Stones gecovert) war zunächst ein Flop. Das wird dem gleichnamigen neuen Roman des US-Autors Colson Whitehead wohl nicht passieren, denn auf den gedruckten Shuffle werden bereits Lobeshymnen gesungen – und das völlig zu Recht.

Der zweifache Pulitzerpreisträger (für „Underground Railroad“ und „Die Nickel Boys“) erzählt in einer grandiosen Paarung aus Leichtigkeit und Eindringlichkeit eine Geschichte, die vieles ist und sein darf: Gaunerkomödie, Familiensaga, politisches Statement und vor allem auch eine kritische Liebeserklärung an den titelgebenden Stadtteil.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht Ray Carney. Möbelhändler, sonderbarer Mann ohne Eigenschaften und Sohn eines Kleinkriminellen, der nicht in die schmierigen Fußstapfen seines Vaters treten möchte, jedoch immer wieder in Gaunereien schlittert, um sich und seine Familie über Wasser zu halten. Mit „Sir“ wird Ray Carney nur vom jüdischen Ladenbesitzer angesprochen, ansonsten bekommt er tagtäglich zu spüren, wer in der Stadt das Sagen hat.

Der Roman ist Ende der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre angesiedelt. Segregation, Rassismus, Bürgerrechtsbewegung und Unruhen prägen die Zeit und die Stadt. Doch Whitehead doziert nicht, das politische Unterfutter wird an den handelnden Personen festgemacht und dadurch zum wichtigen, aber unaufdringlichen Bestandteil der Geschichte.

Obwohl sich ein Großteil der Problematik in diesem Buch entlang der Demarkationslinie von Hautfarben abspielt, betreibt Colson Whitehead keine billige Schwarz-Weiß-Malerei. Seine Figuren haben Tiefenschärfe, sind mehrdimensional und voll realistischer Verschwommenheit. Es geht um Macht und Moral, um Gewalt und Verrat, aber auch um Zusammenhalt und die Schönheit einer Stadt und ihrer Menschen, die oft Täter und Opfer in einer Person sind.

Auch die Sprache von Colson Whitehead ist vielschichtig und -stimmig. Sie streichelt, und sie schlägt zu. Sie ist voll Poesie, und sie ist voll Power. Sie hat Swing, und sie hat Schärfe. Dieser „Harlem Shuffle“ wird die Büchercharts stürmen.

Buchtipp: Colson Whitehead. Harlem Shuffle.
Hanser, 381 Seiten, 25,70 Euro. 

KK
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