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Schein-IdylleNeuer Roman von Max Annas: Und die im Dunkeln sieht man doch

In „Der Hochsitz“ ebnet Max Annas Idyllen ein und holt deutsche Geschichtsleichen aus dem Keller. Ein verdächtig realer Gespensterreigen.

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Zeitreisender im Dienste der Wahrheit: Max Annas © Rowohlt/Corleone
 

Er ist unbequem, entlarvend und somit unentbehrlich. Sein mehrjähriger Aufenthalt in Südafrika mündete in schockierende Abrechnungen mit den noch immer umtriebigen Rassisten und den korrupten Politikern. Nach seiner Rückkehr in die deutsche Heimat schrieb er mehrere Romane über die Ex-DDR und die stille, brüderliche Vereinigung von rechtslastigen, faschistoiden „Ossis„ und „Wessis“ samt einer düsteren Zukunftsvision über die neuerliche Menschenjagd einer germanischen Einheitspartei.

Tiefenbohrungen


Grundfalsch also wäre es, Max Annas das Etikett eines Krimi-Autors zu verpassen. Er schreibt zeitgeschichtlich bedeutsame, authentische, gründlich recherchierte Werke, die in die heuchlerische, kriminelle und allzeit zu Verdrängungen bereite Oberschicht führen. Es sind Tiefenbohrungen, die düstere Wahrheiten an das Tageslicht bringen.
Schauplatz seines jüngsten Romans, „Der Hochsitz“, ist ein Dorf unmittelbar an der Grenze zu Luxemburg, im Jahr 1978. Die Fußball-WM im Militär- und Folterstaat Argentinien steht vor der Tür, kaum jemand zeigt sich empört. In Deutschland geht die Angst vor dem Terror um, die Sehnsucht nach „starken Politikern“ ist groß. Und in der dörflichen Scheinidylle blüht und gedeiht der Schmuggel mit Drogen aller Art.

Leichen im Keller


Fast alle im Dorf wissen das, fast alle schweigen. Und der Rest ist mitbeteiligt. Zwei Mädchen, knappe zehn Jahre alt, beobachten von ihrem Geheimplatz aus, einem in Vergessenheit geratenen Hochsitz, das Treiben im Dorf. Eines der Mädchen wird zur Haupterzählerin der in etliche Kurzepisoden aufgeteilten Geschichte, die in Neid, Hass, Mord- und Totschlag mündet und die trügerische Scheinidylle lautstark platzen lässt.
Aber es gibt noch andere Leichen im Keller. Auch darüber spricht man nicht. Etwa über ein Massaker der Nazis im Jahr 1939. Mehr zu verraten, hieße, der Story die Spannung und den Wahrheitsgehalt zu nehmen.
Max Annas ist ein exzellenter Zeitreisender im Dienste der meist nur allzu gerne vergrabenen Wirklichkeit, was er hervorholt, sind verdächtig reale Gespenster mit hohem Sitz. Er führt beklemmend vor Augen, wie man Wind sät und Sturm erntet. Auf seine einzigartige Weise eben.

Lesetipp:

Max Annas. Der Hochsitz. Rowohlt. 272 Seiten, 22,70 Euro.

KK
© KK

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