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Buch der WocheGeorges-Arthur Goldschmidt: Daheim im Nirgendwo

Berührend, schonungslos. In „Der versperrte Weg“ begibt sich Georges-Arthur Goldschmidt auf die Suche nach seinem aus der Lebensbahn geworfenen Bruder.

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Holocaust-Autor Georges-Arthur Goldschmidt
Holocaust-Autor Georges-Arthur Goldschmidt © KK
 

Am Anfang ist die Flucht in allerletzter Minute. Dem Ehepaar Goldschmidt gelingt es, ihre beiden Söhne Erich und Jürgen-Arthur im Mai 1938 aus Deutschland weg nach Florenz zu schleusen. Erich ist damals 14 Jahre alt, sein Bruder, der später in Frankreich seinen Vornamen auf Georges-Arthur änderte, ist vier Jahre jünger. Ihre Eltern sehen sie nie mehr wieder, ihr Schicksal ist unbekannt.

Längst zählt Georges-Arthur Goldschmidt (93) zu den wichtigsten und bedeutsamsten Holocaust-Autoren. Ihm gelang und gelingt es, Unfassbares in eine Sprache zu fassen, deren mitunter sachlicher Ton die Eindringlichkeit erhöht, und all dem Wahnwitz der NS-Zeit Kontur und zusätzliche Dämonie verleiht. Bisher nur als Randfigur in Erscheinung trat sein Bruder Erich, dem nun der Roman „Der versperrte Weg“ gewidmet ist. „In ihm gab es nun diese Leerstelle, die nichts füllen würde“, lautet einer der vielen Schlüsselsätze über einen seiner Identität beraubten Menschen, der radikal und für immer aus der Lebensbahn geschleudert wurde.

Der Weg der beiden nicht nur charakterlich sehr konträren Brüder führt weiter nach Frankreich, wo Erich bald nur noch einen Lebenssinn erkennt und respektiert – den Kampf. Er schließt sich der französischen Résistence an, nach dem Krieg dient er bei der Fremdenlegion. Innerlich gestorben mitten im Leben, daheim im Nirgendwo.

Der Handke-Übersetzer

Dem Autor Georges-Arthur Goldschmidt, Handke-Übersetzer der ersten Stunde (umgekehrt übertrag auch Handke mehrere seiner Werke), liegt es fern, seinem Bruder ein Denkmal zu setzen, zumal er nur über wenige „Gedächtnisbilder“ verfügt. Sein Anliegen ist es, das Dasein eines vom „historischen Unglück zutiefst gezeichneten Menschen nachzuerzählen“, der, fast lakonisch klingt dieser Nachsatz, „immerhin dem Entsetzen, den Razzien der Deutschen und der Deportation entkam“.

Es ist Zeitgeschichte, es ist Weltgeschichte, es ist der blanke Horror, den Goldschmidt zu Papier bringt. Immer wieder aber verweist er, ähnlich, wie es Viktor Klemperer in all seinen unentbehrlichen Analysen tat, welches mörderische Machtinstrument die deutsche Sprache sein oder werden kann. Auch mit ihr, der Sprache, „habe man das Schlimmste überhaupt begangen“. „Der versperrte Weg“ öffnet den Blick dafür; er ist keineswegs nur auf die Vergangenheit gerichtet. Dies verleiht diesem Werk zusätzliches Gewicht.

Buchtipp. Georges-Arthur Goldschmidt. Der versperrte Weg.
Wallstein, 111 Seiten, 20,60 Euro.

KK
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