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Buch der WocheDzevad Karahasan und die "Orgie des Trostes" im Krieg

D(z)evad Karahasans „Tagebuch der Übersiedlung“ über die Belagerung Sarajevos ist ein berührender und vielschichtiger Versuch, seelische Narben offenzulegen.

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Die Liebe in Zeiten des Krieges in Sarajevo: Dzevad Karahasan © Kleine Zeitung
 

Jeder Krieg nimmt seinen Anfang in der Sprache. Sie ist es, die, dumpf und infam, hetzerisch und meuchlerisch in einen Stechschritt-Jargon verfällt. Nicht selten sind es Dichter oder solche, die sich dafür halten, die sich mit ihrem geifernden Wortgerassel in wichtige Souffleure der Kriegstreiber verwandeln. So war es auch, ehe im Juni 1991 in Jugoslawien der Krieg begann, so war es knapp ein Jahr später, als Sarajevo ins Zentrum wahnwitziger Vernichtung rückte. Die Bewohner der Stadt, Prunkstück des multikulturellen und religiösen Lebens, hatten mit der Einkesselung gerechnet, es war weitaus mehr als eine Befürchtung nur.

Die Welt schaute weg


Aber sie gaben sich der trügerischen Illusion hin, die Welt da draußen werde schon eingreifen. Niemand half, niemand griff ein. Auch das Schweigen kann zur Sprache werden, zur furchtbarsten sogar.
1993 versuchte D(z)evad Karahasan, den Beginn des Massakers in Sarajevo, die Erinnerungen daran zu verarbeiten; das Trauma aber bezog sein festes Quartier in ihm. Damals erschien das „Tagebuch der Übersiedlung“ erstmals im Wieser Verlag, nun wurde es neu übersetzt und durch Essays erweitert. Eine Kernaussage von D(z)evad Karahasan lautet: „Es gilt, die Form zu bewahren. Solange wir eine Form haben, können wir existieren – auch als Menschen in einer zerfallenen Welt.“ Ironie inklusive, in einer Welt, die sich, wie in einem Spiegelbild, verkehrt herum zeigte und sich verwandelte – von der Liebe in den Schmerz. Umso berührender ist seine Schilderung der nächtlichen Lektüre eines Briefes seines Dichterfreundes Albert Goldstein, die eine „Orgie des Trostes“ ausgelöst habe. Damals, so Karahasan, habe auch er sich verwandelt – in einen Melancholiker, der um seine paradoxe Abgeschnittenheit von der Welt weiß. Er ist ihr nah und doch auch stets fern, er muss gehen, um in anderer Art und Weise bleiben zu können. Eine Übersiedelung auch dies.

Befund über Gleichgültigkeit


So ist denn dieses „Tagebuch“ zugleich auch ein Befund über die Gleichgültigkeit, die nicht nur den Krieg überdauerte, sondern sich einnistete – auch in der Literatur. Nicht der Wiederaufbau rückt ins Zentrum von D(z)evad Karahasans Blick zurück, es sind die Ruinen; nicht das Prinzip Hoffnung regiert, sondern die Melancholie. Sie weist den Weg hin zum „Nicht mehr“ der Trauer. Aber auch der kann, dies lehrt uns dieser grandiose Dichter immer wieder, erheblicher Trost innewohnen. Mit dem Blick nach oben. Und mit einer Gewissheit: Ich denke, daher bin ich - dein Freund.

Lesetipp:

D(z)evad Karahasan: Tagebuch der Übersiedlung.Suhrkamp. 223 Seiten, 24,70 Euro.

Leung:

D(z)evad Karahasan präsentiert sein neues Buch am 19. Mai um
19 Uhr im Literaturhaus Graz.
Moderation: Ilija Trojanow. Karten gibt es ausschließlich online unter www.literaturhaus-graz.at

 

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