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Buchkritik Drei Monate Weltflucht: Eremit auf Zeit auf einer Adriainsel

Der kroatische Schriftsteller Ivica Prtenjača erzählt in seinem Roman "Der Berg" von drei Monaten Einsamkeit.

Autor Ivica Prtenjača © Vecernji list
 

Es reicht ihm, und er zieht sich zurück von der Welt. Nach seiner Scheidung, einem Rauswurf aus dem Museum, in dem er gearbeitet hat, und Vernissagen-Geschwätz der urbanen Schickeria von Zagreb zieht er sich auf eine kleine Adriainsel zurück. Nur mit einem altersschwachen Esel, den er Visconti nennt, und einem zugelaufenen Hund lebt er drei Monate als Brandwächter in der „Karaule“, einer Art Wachturm.

„Ich will nichts tun, nichts anrühren, ich will in meinem schlaffen Kokon bleiben, unberührt, reglos. Gleichzeitig möchte ich mir das schwere Hemd der Trägheit und des schleichenden Verfalls vom Leib reißen.“ Der Weltflüchtling denkt über „Liebe, Leben und Tod“ nach, sucht die Einsamkeit in der Natur, geplagt von seinen Ängsten, von Wildschweinen, Schlangen und Skorpionen in seinem primitiven Quartier. Doch die Welt lässt ihn nicht in Ruhe. Verirrte Motorrad-Biker, moderne Pilger, esoterische Trommler finden den Weg auf seinen Berg.

Kitsch und Kapitalismus widern ihn an, aber auch die Vergangenheit mit Jugoslawienkrieg und Waffenfanatismus lassen den Einsiedler immer wieder in seinen Unterschlupf flüchten. Die Liebe zu seinem sterbenden Esel und dem ihm treu ergebenen Hund sind ebensolche Konstanten wie die Wetterbeobachtung.

Ivica Prtenjača, 1969 in Rijeka geboren, erzählt in seinem von Klaus Detlef Olof ins Deutsche übersetzten Buch von einer langsamen Identitätssuche, über das Leben am Meer und die Möglichkeit eines Ausstiegs aus der Tretmühle des Alltags. „Meine Einsamkeit berauscht mich geradezu. Ich bin eins geworden mit diesem Berg, mit der Karaule, mit dem Wald, den Wegen und den Tieren. Ich befinde mich in einem leeren Raum jenseits von Zeit und Denken, in ihm habe ich mein Spiegelbild, meinen Schatten und meine Seinsweise gefunden. Ich gehe, wie ein freier Mensch geht, auf einer breiten, leeren Straße.“

In ruhiger Sprache, genau beobachtend und voll Demut vor der Natur entwirft der kroatische Autor das Porträt eines Eremiten auf Zeit, der zu sich selbst findet und frei geworden in sein Stadtleben zurückkehrt: ein Roman über die Möglichkeit der Veränderung.

Folio
Ivica Prtenjača. Der Berg. Folio Verlag, 184 Seiten, 22 Euro. © Folio

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