Literatur aus ÖsterreichDas Ende der überheblichen Gewissheiten

In Carolina Schuttis neuem Roman ist die nahezu menschenleere Welt im Um- und Zusammenbruch. Ein erschreckend gutes Buch.

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Die Schriftstellerin Carolina Schutti entführt in eine fast menschenlose Welt
Die Schriftstellerin Carolina Schutti entführt in eine fast menschenlose Welt © (c) APA/ROBERT JAEGER
 

Woran wäre sie aufzuhängen, diese Geschichte?“ Dieser Satz, diese Frage, die letztendlich nie gelöst wird, findet sich ungefähr in der Mitte eines Buches, das sich nicht festmachen lässt, das sich aber auf fast magische Weise festkrallt am Lesenden und ihn nicht mehr loslässt.
Die Innsbrucker Schriftstellerin Carolina Schutti hat mit ihrem neuen Roman „Der Himmel ist ein kleiner Kreis“ eine beklemmende Wortwelt erschaffen, die nahezu menschenlos ist, ohne Hoffnung und Zukunft.

Eine Dystopie? Nicht einmal diese Sicherheit gewährt Schutti, denn dann wüsste man zumindest um das Ende, doch in diesem literarischen Himmelreich ist nur eines gewiss: Die Kontrolle ging verloren. Jene über die Sprache, die Gefühle, die Körper und Seelen der wenigen noch übriggebliebenen Lebewesen. Nichts funktioniert mehr, die überheblichen Gewissheiten sind obsolet.

Eine junge Frau, aus dem Rahmen der Gesellschaft gefallen, landet in einer Anstalt. Eine andere Frau, Ina, irrt durch Sibirien, trifft einen geheimnisvollen Boris, dieser verschwindet wieder. Ira möchte eine Raststätte an der „Winterstraße“ eröffnen. Vorher übt sie: das Überleben, das Schießen. Doch nicht einmal Tiere gibt es in dieser Welt. Nur tote Fische.

Der Stil von Carolina Schutti hat eine soghafte Wirkung, einen spröden Charme. Die Geschichte, die sie erzählt, gleicht einem potemkinschen Dorf. Was ist wahr, was Attrappe? Und gibt es da überhaupt noch einen Unterschied? Alles ist im Um- und Zusammenbruch, und auch der Lesende hält nur Trümmer in Händen. Bruchstücke.

Zwei Frauenleben, zwei ganz unterschiedliche Geschichten. Ist das so? Allmählich gehen die Schilderungen ineinander über, fließen zusammen, ergeben eine gemeinsame Projektionsfläche, ergeben eine Frau, die durch die Wälder eines unendlich weiten Landes irrt; durch eine stumpfe Wirklichkeit.

Der Kreis wird enger, der Himmel über Sibirien bleiern. Und hinter der Naturpoesie Schuttis lauert das Ende der Natur und jenes seiner Bewohner. „Ich weiß nicht, ob ich mich verstecke oder in eine Falle gegangen bin“, sagt die Frau verwundert. Träumt sie oder ist sie in der Wirklichkeit? Und in welcher?

Ein verstörendes Buch, zwingend, zwanghaft, erschreckend gut.

Buchtipp: Carolina Schutti. Der Himmel ist ein kleiner Kreis.
Droschl, 152 Seiten, 19 Euro.

KK
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