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Buch der WocheRaphaela Edelbauer: Audienz beim Rechengott

Schöne neue Kabelwelt: In "DAVE" lässt Raphaela Edelbauer eine terrorisierte Menschheit frohgemut um ein digitales Riesenkalb tanzen. Ein visionärer Geniestreich.

Tanz um das digitale Monsterkalb: Raphaela Edelbauer © Victoria Herbig
 

Es gibt sie, die magischen Orte, die erlebte Zeit in sich tragen. Vieles mag vertraut erscheinen, anderes unheimlich wirken. Zu den raren Gaben von Raphaela Edelbauer zählt es, diese Orte erst entstehen zu lassen, plastisch, glaubwürdig, rätselhaft, wundersam, mystisch, dämonisch. In „Das flüssige Land“ führte die Autorin ihre Leserschaft zurück zur Schädelstätte der verdrängten Vergangenheit. Die Schädelstätte blieb, aber in „DAVE“, ihrem neuen Roman, ist sie in der Zukunft angesiedelt, in einer Endzeitvision. Das Etikett Science-Fiction-Thriller mag sich anbieten, zumal an Spannung keinerlei Mangel besteht; allerdings klebt es mehr schlecht als recht. Ungemein clever, weise und raffiniert setzt sie sich mühelos über derlei Kategorisierungen hinweg.

Intelligenzbestie


DAVE ist ein Computermonster. Tausende Programmierer, eingesperrt und in einem riesigen Labor permanent überwacht, füttern ihn jahrelang mit gigantischen Datenmengen, um ein digitales Riesenkalb zu erschaffen, angeblich dazu da, alle Probleme der Menschheit zu lösen. Eine vergötterte Maschine, eine künstliche Intelligenzbestie, die auch über menschliches Bewusstsein verfügen soll. Beigesteuert wird dies von auserkorenen Insassen, die ihre Lebensgeschichte erzählen. Zu ihnen gehört auch der Ich-Erzähler, ein Programmierer namens Syz, der DAVE neues Datenmaterial liefert, nicht ahnend, dass ihm dadurch der Restbestand an Individualität abgesaugt wird.

Geistige Weggefährten


Enorm eindringlich beweist Raphaela Edelbauer erneut, dass sie eine brillante, aber auch sehr listige Expeditionsleiterin durch Spiegelwelten, Lug und Trug und Psychoterror ist. Die Liste der geistigen Weggefährten reicht von Alan Turing über den Roboter-Fanatiker Hans Moravec bis zu Blaise Pascal und Cicero. Auch Huxley und Orwell hätten bei diesem kühnen, an Allegorien reichen Wunderwerk wohl beifällig genickt, ebenso Tarkowskij angesichts der apokalyptischen Szenarien, die angeblich außerhalb des Labors herrschen.
Raphaela Edelbauer hat treffsicher ein anderes Ziel vor Augen – den durch Bild- und Wortgewalt wehrlos gemachten, daher aufnahmebereiteren Leser, dem sie umso souveräner die Folgen des Fortschrittswahns an den Kopf knallt. Ein Luxusrestaurant im Labor heißt übrigens Purgatorium. Paradiso wäre auch gut gewesen für eine zeitgemäße, mit schwarzem Humor eingefärbte göttliche Komödie. Soghaft, sagenhaft, sensationell.

Lesetipp: Raphaela Edelbauer. DAVE. Klett-Cotta. 432 Seiten, 25,70 Euro.

 

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